Sind neurodivergente Menschen häufiger hochbegabt?
Vor ein paar Wochen bin ich durch einen Kommentar von Judith Hammer auf einen LinkedIn-Beitrag von mir über den Unterschied von Hochbegabung und Neugierde (der übrigens zu folgendem Video führt) gefragt worden, ob neurodivergente Kinder häufiger hochbegabt seien als Neurotypische. Spannende Frage nicht wahr? Auf Social Media liest man Aussagen wie:
«Alle Hochbegabten sind neurodivergent.»
«ADHS bedeutet hohe Intelligenz.»
«Autistische Menschen sind meistens hochbegabt.»
Klingt spannend und plakativ. Stimmt aber so nicht.
Die Realität ist wesentlich differenzierter. Hochbegabung kann gemeinsam mit verschiedenen Formen der Neurodivergenz auftreten. Wie häufig solche Kombinationen sind, unterscheidet sich je nach Neurodivergenz – und ist wissenschaftlich bislang nur unzureichend geklärt. Für ADHS und spezifische Lernstörungen beschreibt eine systematische Übersichtsarbeit ausdrücklich widersprüchliche Befunde. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36040826/)
In diesem Blogbeitrag schreibe ich über folgende Inhalte:Verbergen
Die Soziologin Judy Singer, die sich selbst als autistisch bezeichnete, prägte Ende der 1990er-Jahre den Begriff «Neurodiversität». Der Begriff meint so viel wie «neurologische Vielfalt». In den letzten Jahren hat sich daraus eine Bewegung entwickelt, die das Ziel verfolgt, dieses Konzept auch im medizinischen und gesellschaftlichen Kontext zu verankern. Die Neurodiversitätsbewegung möchte erreichen, dass bestimmte neurologische Besonderheiten nicht länger primär als Krankheiten oder Behinderungen betrachtet werden, sondern als Teil menschlicher Varianz. Denn auch wenn sich menschliche Gehirne in Aufbau und Struktur ähneln, funktionieren sie nicht bei allen Menschen gleich. Beim Körper ist das im Grunde ähnlich: Nur weil die meisten Menschen mit zwei Ohren geboren werden, bedeutet das nicht, dass alle gleich gut hören (vgl. http://bit.ly/4wDNObw). Welche Diagnosen gehören zur Neurodivergenz dazu?
ADHS
Autismus-Spektrum
Dyslexie/LRS
Dyskalkulie
Tourette
weitere neurologische Entwicklungsvarianten
Venn-Diagramm zeigt die Überschneidung von Hochbegabung und Neurodivergenz – die 2e-Konstellation (Twice Exceptional).
(Hinweis: Und auch wenn du es auf Social Meida immer wieder liest: Hochbegabung selbst ist keine medizinische Diagnose! Sie ist eine wissenschaftlich definierte Asprägung kognitiver Fähigkeiten mit pädagogischer und psychologischer Bedeutung.
Was ist Hochbegabung – und was nicht?
Der Begriff Hochbegabung wird im Alltag häufig verwendet – allerdings selten so, wie ihn die Wissenschaft versteht. Viele Menschen denken dabei an aussergewöhnliche schulische Leistungen, ein fotografisches Gedächtnis oder ein «Genie». Tatsächlich beschreibt Hochbegabung jedoch zunächst eine statistisch seltene Ausprägung der allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, nicht eine Persönlichkeit oder einen garantierten Lebenserfolg.
Was versteht die Forschung unter Hochbegabung?
In der psychologischen Forschung wird Hochbegabung in der Regel über standardisierte Intelligenztests definiert. Als hochbegabt gilt meist, wer einen Intelligenzquotienten (IQ) von 130 oder höher erreicht. Dieser Wert entspricht etwa den obersten zwei Prozent der Bevölkerung. Der IQ gibt dabei an, wie eine Person im Vergleich zu einer repräsentativen Altersgruppe abschneidet – nicht, wie «klug» sie absolut ist. Ein IQ von 130 bedeutet also nicht, dass jemand 30 Prozent intelligenter ist als andere, sondern dass seine kognitiven Fähigkeiten im Vergleich zur Normstichprobe aussergewöhnlich hoch ausfallen.
Diese Definition hat sich international etabliert und bildet die Grundlage vieler wissenschaftlicher Studien sowie der meisten diagnostischen Verfahren. Sie ist jedoch nicht unumstritten. Denn Intelligenz ist ein komplexes Konstrukt, das sich nicht vollständig in einer einzigen Zahl erfassen lässt.
Glockenkurve der Normalverteilung zeigt, dass ein 1Q von 130 oder höher nur bei etwa 2-3 % der Bevölkerung vorkommt.
Intelligenz ist mehr als Wissen
Entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis misst ein Intelligenztestnicht, wie viel Wissen ein Mensch angesammelt hat. Vielmehr geht es darum, wie effizient Informationen verarbeitet werden können. Dazu gehören unter anderem:
logisches Schlussfolgern,
das Erkennen von Mustern und Zusammenhängen,
räumliches Vorstellungsvermögen,
sprachliches Denken,
Arbeitsgedächtnis sowie
die Geschwindigkeit, mit der einfache Informationen verarbeitet werden.
Moderne Verfahren wie der WISC-V ( für 6 –16;11-jährige) oder die WAIS-IV (ab 16 Jahren) erfassen diese verschiedenen Bereiche getrennt. Dadurch zeigt sich häufig, dass Menschen sehr unterschiedliche Stärkenprofile besitzen. Gerade bei neurodivergenten oder zweimal aussergewöhnlichen (2e) Personen können die Unterschiede zwischen einzelnen Teilbereichen erheblich sein.
Hochbegabung ist keine Persönlichkeitseigenschaft
Ein weiterer Irrtum besteht darin, Hochbegabung mit bestimmten Charaktereigenschaften gleichzusetzen. Aussagen wie «Hochbegabte sind perfektionistisch», «Hochbegabte sind sozial unbeholfen» oder «Hochbegabte sind besonders kreativ» lassen sich wissenschaftlich nicht pauschal belegen.
Hochbegabung beschreibt zunächst lediglich ein überdurchschnittliches kognitives Potenzial. Wie dieses Potenzial genutzt wird, hängt von zahlreichen weiteren Faktoren ab – unter anderem von Motivation, Interessen, Persönlichkeit, emotionaler Entwicklung, familiärem Umfeld, Gesundheit und den Bildungsbedingungen.
Es gibt introvertierte und extrovertierte Hochbegabte, leistungsstarke und leistungsschwache, kreative und wenig kreative, emotional stabile und psychisch belastete. Hochbegabung ist deshalb keine Persönlichkeitsdiagnose, sondern ein Merkmal innerhalb eines sehr vielschichtigen Gesamtbildes.
Hohe Intelligenz bedeutet nicht automatisch hohe Leistung
Besonders hartnäckig hält sich die Vorstellung, hochbegabte Kinder müssten zwangsläufig Klassenbeste sein. Tatsächlich zeigt die Forschung das Gegenteil: Ein beträchtlicher Teil hochbegabter Kinder schöpft sein Potenzial in der Schule nicht aus. Dieses Phänomen wird als Underachievement bezeichnet.
Gründe dafür können unter anderem sein:
anhaltende Unterforderung,
fehlende Lernstrategien,
mangelnde Motivation,
Perfektionismus,
psychische Belastungen oder
gleichzeitig bestehende Entwicklungsbesonderheiten wie ADHS, Autismus oder eine Lese-Rechtschreib-Störung.
Gerade diese Kombinationen führen dazu, dass Hochbegabung häufig übersehen oder fehlinterpretiert wird.
Hochbegabung ist nicht gleich Kreativität
Kreativität und Intelligenz hängen zwar zusammen, sind jedoch nicht identisch. Viele hochbegabte Menschen sind ausgesprochen kreativ – andere nicht. Umgekehrt gibt es aussergewöhnlich kreative Menschen mit durchschnittlicher Intelligenz.
Während Intelligenztests vor allem analytisches und logisches Denken erfassen, beschreibt Kreativität die Fähigkeit, originelle und gleichzeitig passende Lösungen für Probleme zu entwickeln. Beide Konstrukte überschneiden sich teilweise, können aber unabhängig voneinander unterschiedlich stark ausgeprägt sein.
Hochbegabung ist weder Diagnose noch Garantie
Hochbegabung ist weder eine Krankheit noch eine Störung. Sie ist aber auch keine Garantie für beruflichen Erfolg, Glück oder psychische Gesundheit. Ob ein Mensch sein kognitives Potenzial entfalten kann, hängt entscheidend von seiner Umwelt ab. Eine gute Passung zwischen den individuellen Fähigkeiten und den Anforderungen in Schule, Ausbildung oder Beruf spielt dabei eine zentrale Rolle. Fehlt diese Passung, können selbst sehr hohe kognitive Fähigkeiten ungenutzt bleiben. Deshalb verstehen moderne Begabungsmodelle Hochbegabung nicht als isoliertes Persönlichkeitsmerkmal, sondern als das Ergebnis eines Zusammenspiels von Potenzial, Motivation, Persönlichkeit und Umwelt. Schau dir dazu gerne mal das 3 Ringe Modell von Renzulli an.
Wissenschaftliche Einordnung
Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass allgemeine Intelligenz einer der besten Prädiktoren für schulischen und beruflichen Erfolg ist. Gleichzeitig erklärt sie nur einen Teil der Unterschiede zwischen Menschen. Faktoren wie Ausdauer, Selbstregulation, emotionale Kompetenzen, Interesse und Lerngelegenheiten tragen ebenfalls wesentlich dazu bei, ob Potenziale tatsächlich ausgeschöpft werden.
Mit anderen Worten: Ein hoher IQ eröffnet Möglichkeiten – er garantiert deren Nutzung jedoch nicht.
Warum sich die beiden Konzepte überhaupt überschneiden können
Auf den ersten Blick wirken Hochbegabung und Neurodivergenz wie zwei völlig unterschiedliche Konzepte. Hochbegabung beschreibt ein aussergewöhnlich hohes kognitives Potenzial, während Neurodivergenz ein Sammelbegriff für neurologische Entwicklungsvarianten wie ADHS, Autismus, Dyslexie oder Dyskalkulie ist. Warum also treten beide häufiger gemeinsam auf, als man aufgrund des Zufalls erwarten würde?
Die kurze Antwort lautet: Wir wissen es noch nicht genau.
Die Forschung hat in den letzten Jahren zwar zahlreiche Überschneidungen beschrieben, die zugrunde liegenden Mechanismen sind jedoch noch nicht vollständig verstanden. Wahrscheinlich spielen mehrere biologische und entwicklungspsychologische Faktoren zusammen.
Das Gehirn entwickelt sich nicht in Schubladen
Lange ging man davon aus, dass Intelligenz und Entwicklungsstörungen weitgehend unabhängig voneinander sind. Heute weiss man, dass die Entwicklung des Gehirns deutlich komplexer verläuft. Sowohl Intelligenz als auch viele neurodevelopmentale Merkmale werden von zahlreichen genetischen Faktoren mitbeeinflusst. Die genetischen Zusammenhänge sind polygen, das heisst: Es gibt weder ein einzelnes «Hochbegabungsgen» noch ein einzelnes «Autismusgen». Ob und in welchem Ausmass gemeinsame genetische Faktoren die Überschneidung von Hochbegabung und bestimmten Neurodivergenzen erklären, ist jedoch nicht abschliessend geklärt.
Mehr Spezialisierung – mehr Extreme?
Bei 2e-Kindern können einzelne Entwicklungs- und Leistungsbereiche deutlich auseinanderliegen: Ein Kind verfügt beispielsweise über ein aussergewöhnlich schnelles logisches Denkvermögen und hat gleichzeitig erhebliche Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Selbststeuerung oder bestimmten schulischen Fertigkeiten. Solche ungleichmässigen Profile sind für die Praxis wichtig. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass besonders leistungsfähige Gehirne grundsätzlich «anfälliger» für Neurodivergenz wären. Für eine solche allgemeine Erklärung fehlt bislang eine belastbare wissenschaftliche Grundlage.
Extreme liegen statistisch näher beieinander
Dass zwei Merkmale beide vom Durchschnitt abweichen, bedeutet für sich allein noch nicht, dass sie häufiger gemeinsam auftreten. Ob eine überzufällige Überschneidung besteht, muss deshalb für jede Neurodivergenz empirisch untersucht werden. Genau hier zeigt sich ein differenziertes Bild: Für einzelne Kombinationen gibt es Hinweise auf Überschneidungen, für andere ist die Datenlage dünn oder uneindeutig.
Gemeinsame kognitive Merkmale
Ein weiterer Grund für die beobachteten Überschneidungen könnte darin liegen, dass manche neurodivergenten Menschen und manche Hochbegabte ähnliche Denkweisen zeigen – allerdings aus unterschiedlichen Ursachen. Dazu gehören beispielsweise:
ungewöhnlich schnelles Erkennen von Mustern,
intensives Interesse an Spezialthemen,
stark ausgeprägtes Detaildenken,
originelle Problemlösestrategien,
hohe Sensibilität für Widersprüche,
ausgeprägtes Bedürfnis nach logischer Konsistenz.
Diese Merkmale können sowohl Ausdruck einer hohen kognitiven Leistungsfähigkeit als auch einer neurodivergenten Informationsverarbeitung sein – oder beidem gleichzeitig.
Forschung statt Spekulation
So naheliegend manche Erklärungen klingen, wichtig ist ein nüchterner Blick auf die Studienlage. Bis heute gibt es meines Wissens keine wissenschaftlich gesicherte Theorie, die erklärt, warum Hochbegabung und Neurodivergenz häufiger gemeinsam auftreten. Die meisten Forschenden gehen davon aus, dass genetische Faktoren, Unterschiede in der Gehirnentwicklung und Umweltbedingungen zusammenwirken. Welche Mechanismen dabei entscheidend sind, ist Gegenstand aktueller Forschung.
Warum Hochbegabung und Neurodivergenz häufiger gemeinsam auftreten, ist noch nicht abschliessend geklärt. Die Forschung vermutet gemeinsame genetische und neurobiologische Entwicklungsprozesse. Eine wissenschaftlich gesicherte Erklärung gibt es bislang jedoch nicht.
Was bedeutet das für die Praxis?
Für Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen ist vor allem entscheidend, mögliche Überschneidungen überhaupt mitzudenken. Ähnliche Verhaltensweisen können unterschiedliche Ursachen haben – und hohe kognitive Fähigkeiten können gleichzeitig mit erheblichen Unterstützungsbedürfnissen auftreten.
Wissenschaftliche Einordnung
Die Forschung belegt, dass Hochbegabung gemeinsam mit neurodevelopmentalen Besonderheiten auftreten kann. Wie häufig dies geschieht und ob einzelne Kombinationen tatsächlich überzufällig auftreten, ist je nach Neurodivergenz unterschiedlich gut untersucht. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2022 betont ausdrücklich die insgesamt dünne Evidenzlage und widersprüchliche Ergebnisse insbesondere für ADHS und spezifische Lernstörungen
Ausgewählte Quellen
Kontakou, A., Dimitriou, G., Panagouli, E., Thomaidis, L., Psaltopoulou, T., Sergentanis, T. N., & Tsitsika, A. (2022). Giftedness and Neurodevelopmental Disorders in Children and Adolescents: A Systematic Review. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 43(7), e483–e497.
Foley Nicpon, M., Assouline, S. G., & Colangelo, N. (2013). Twice-Exceptional Learners: Who Needs to Know What? Gifted Child Quarterly.
Ronald, A., & Hoekstra, R. A. (2011). Autism Spectrum Disorders and Autistic Traits: A Decade of New Twin Studies. American Journal of Medical Genetics Part B.
Plomin, R., & von Stumm, S. (2018). The New Genetics of Intelligence. Nature Reviews Genetics.
Autismusspektrum und Hochbegabung
Die Kombination von Autismus und Hochbegabung gehört zu den vergleichsweise besser untersuchten 2e-Konstellationen. Während früher häufig angenommen wurde, Autismus gehe überwiegend mit einer Intelligenzminderung einher, zeichnet die Forschung heute ein deutlich differenzierteres Bild. Und weil in den letzten Jahren auch immer stärker ins Blickfeld geraten ist, dass Autismus ein weites Feld mit ganz verschiedenen Ausprägungen öffnet, sprechen wir auch nicht mehr von dem Autismus, sondern vom Autismus-Spektrum, meist abgekürzt ASS.
Autistische Menschen finden sich über ein breites Intelligenzspektrum. Es gibt Menschen mit Intelligenzminderung ebenso wie Menschen mit durchschnittlicher, hoher oder sehr hoher Intelligenz. Dass Autismus und Hochbegabung gemeinsam auftreten können, ist gut dokumentiert. Wie häufig diese Kombination tatsächlich vorkommt und ob Hochbegabung bei autistischen Menschen häufiger ist als in der Allgemeinbevölkerung, lässt sich anhand der bisherigen Forschung jedoch nicht zuverlässig beziffern.
Warum überschneiden sich ASS und Hochbegabung?
Eine abschliessende Antwort gibt es bislang nicht. Forschende diskutieren verschiedene Erklärungsansätze. Als möglicher Erklärungsansatz werden auch genetische Überschneidungen diskutiert. Sowohl ASS als auch Intelligenz sind polygen beeinflusst. Daraus lässt sich jedoch keine einfache gemeinsame Ursache ableiten. Darüber hinaus können sich bei manchen hochbegabten und manchen autistischen Menschen ähnliche kognitive Merkmale zeigen, etwa:
ein aussergewöhnlich gutes Erkennen von Mustern,
analytisches Denken,
intensive Spezialinteressen,
eine hohe Detailgenauigkeit,
das Erkennen logischer Inkonsistenzen,
die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge schnell zu erfassen.
Diese Gemeinsamkeiten bedeuten allerdings nicht, dass beide Gruppen gleich denken oder dieselben Ursachen hinter ihrem Verhalten stehen. Ein identisches Verhalten kann aus völlig unterschiedlichen neuropsychologischen Mechanismen entstehen.
Wenn sich Hochbegabung und ASS gegenseitig maskieren
Besonders anspruchsvoll wird die Diagnostik, wenn beide Merkmale gleichzeitig auftreten. Fachleute sprechen dann von Twice Exceptional (2e). Btw: Es gibt auch Mehrfach-Diagnosen, bei denen sich z.B. Hochbegabung, ASS und ADHS treffen. Der in den Sozialen Medien oft gelesene Begriff AuDHS ist kein offizieller Diagnosename, sondern ein Sammelbegriff. Diagnostiziert werden ADHS und das Autismus Spektrum nach wie vor getrennt nach den Kriterien von ICD oder DSM. Mehrfach-Diagnosen werden bei Webb (siehe Quellen) sehr schön beschrieben.
Hochbegabung und ASS können sich gegenseitig verdecken. Ein hochbegabtes Kind aus dem ASS entwickelt oft erstaunliche Kompensationsstrategien. Seine hohe sprachliche Ausdrucksfähigkeit oder sein logisches Denkvermögen können soziale Schwierigkeiten lange kaschieren. Lehrpersonen erleben das Kind möglicherweise als exzentrisch, eigenwillig oder perfektionistisch, erkennen jedoch den Autismus nicht.
Umgekehrt können ASS-Besonderheiten die Hochbegabung verdecken. Schwierigkeiten in der Kommunikation, sensorische Überlastung oder eine geringe Anpassungsfähigkeit führen mitunter dazu, dass das eigentliche kognitive Potenzial gar nicht sichtbar wird. Das Kind wirkt dann eher auffällig als besonders begabt.
Diese gegenseitige Maskierung ist einer der Hauptgründe dafür, dass viele 2e-Kinder und Menschen mit Mehrfachdiagnosen erst spät oder gar nicht erkannt werden.
Nicht jedes hochbegabte Kind mit Spezialinteressen gehört ins Autismusspektrum
Gerade im Internet kursieren zahlreiche Listen mit vermeintlichen Autismusmerkmalen. Viele davon überschneiden sich jedoch mit Eigenschaften hochbegabter Kinder. Ein intensives Interesse an Dinosauriern, Astronomie oder Mathematik ist für sich genommen kein Hinweis auf Autismus. Auch eine grosse Vorliebe für Routinen oder das Bedürfnis nach Genauigkeit kommen bei hochbegabten Kindern häufig vor.
Entscheidend ist deshalb immer das Gesamtbild. Für eine ASS-Diagnose müssen neben besonderen Interessen unter anderem anhaltende Unterschiede in der sozialen Kommunikation sowie eingeschränkte, repetitive Verhaltensweisen vorliegen, die den Alltag tatsächlich beeinflussen. Einzelne Gemeinsamkeiten reichen für eine Diagnose nicht aus.
Was bedeutet das für Eltern und Schulen?
Für Eltern und Lehrpersonen besteht die Herausforderung darin, weder vorschnell zu pathologisieren noch offensichtliche Schwierigkeiten mit dem Hinweis auf eine hohe Intelligenz abzutun. Ein hochbegabtes autistisches Kind braucht oft etwas anderes als ausschliesslich anspruchsvollere Lerninhalte. Es benötigt eine Umgebung, die sowohl seine kognitiven Stärken als auch seine besonderen Bedürfnisse berücksichtigt – beispielsweise klare Strukturen, Verständnis für sensorische Belastungen, Möglichkeiten zum vertieften Lernen und soziale Unterstützung, wenn sie notwendig ist. Umgekehrt sollte bei autistischen Kindern das Thema Hochbegabung nicht vorschnell ausgeschlossen werden. Eine gute Diagnostik fragt nicht nur: „Welche Schwierigkeiten hat dieses Kind?“, sondern ebenso: „Welche aussergewöhnlichen Potenziale bringt es mit?“
Fazit
ASS und Hochbegabung sind keine Gegensätze. Sie können unabhängig voneinander auftreten – oder gemeinsam. Wie gross diese Überschneidung tatsächlich ist, wissen wir bislang nicht zuverlässig. Deshalb sollte weder aus einer Autismusdiagnose auf Hochbegabung geschlossen noch eine Hochbegabung aufgrund von Autismus ausgeschlossen werden.
Wer jedoch beide Möglichkeiten im Blick behält, erhöht die Chance, Kinder zu erkennen, deren aussergewöhnliche Stärken und Herausforderungen sich gegenseitig verdecken. Genau darin liegt die besondere Herausforderung – und die grosse Chance – der 2e-Diagnostik.
Wissenschaftliche Quellen
Gelbar, N. W., Cascio, A. A., Madaus, J. W., & Reis, S. M. (2022). A Systematic Review of the Research on Gifted Individuals with Autism Spectrum Disorder. Gifted Child Quarterly.
Burger-Veltmeijer, A. E. J., Minnaert, A., & Van Houten-Van den Bosch, E. J. (2011). The Co-occurrence of Intellectual Giftedness and Autism Spectrum Disorders. Educational Research Review.
Mullet, D. R., Rinn, A. N., et al. (2022). Giftedness and Neurodevelopmental Disorders in Children and Adolescents: A Systematic Review. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics.
American Psychiatric Association. (2022). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (5th ed., text rev.; DSM-5-TR).
Webb, J. T., Amend, E. R., Webb, N. E., et al. (2016). Misdiagnosis and Dual Diagnoses of Gifted Children and Adults. Dieses Standardwerk beschreibt ausführlich die diagnostischen Herausforderungen bei der Unterscheidung und dem gemeinsamen Auftreten von Hochbegabung und ADHS.
ADHS und Hochbegabung
Die Beziehung zwischen ADHS und Hochbegabung gehört zu den am meisten diskutierten Themen in der Begabungsforschung. Beide Merkmale können gemeinsam auftreten. Ob Hochbegabung bei Menschen mit ADHS tatsächlich häufiger vorkommt als in der Allgemeinbevölkerung, ist jedoch bislang nicht eindeutig geklärt.
Fest steht: ADHS macht nicht hochbegabt – und Hochbegabung verursacht kein ADHS. Es handelt sich um zwei eigenständige Merkmale, die unabhängig voneinander auftreten können. Treffen sie jedoch zusammen, entsteht häufig ein komplexes Entwicklungsprofil, das weder mit einer ADHS-Diagnose noch mit einem IQ-Test allein ausreichend beschrieben werden kann.
Wie häufig kommt die Kombination vor?
Bei einer IQ-Grenze von 130 liegen in einer normalverteilten Bevölkerung rund zwei Prozent im hochbegabten Bereich. Cornoldi und Kollegen (2023) fanden in einer klinischen ADHS-Stichprobe 82 Kinder mit einem General Ability Index (GAI) von mindestens 125; das entsprach 8,8 % der untersuchten ADHS-Stichprobe. Dieses Ergebnis ist interessant, lässt sich aber nicht ohne Weiteres auf die Allgemeinbevölkerung übertragen. Zudem verwendet die Studie mit GAI ≥ 125 eine andere Schwelle als die häufig verwendete IQ-Grenze von 130. Eine systematische Übersichtsarbeit kommt insgesamt zu widersprüchlichen Ergebnissen für den Zusammenhang von ADHS und Hochbegabung.
Warum werden hochbegabte Kinder mit ADHS oft spät erkannt?
Hochbegabung und ADHS können sich gegenseitig maskieren. Ein hochbegabtes Kind mit ADHS entwickelt häufig Strategien, um Konzentrationsprobleme teilweise zu kompensieren. Es versteht neue Inhalte blitzschnell, obwohl es dem Unterricht nur mit halber Aufmerksamkeit folgt. Dadurch fallen Schwierigkeiten zunächst kaum auf. Erst wenn die schulischen Anforderungen steigen, reichen diese Kompensationsstrategien nicht mehr aus. Umgekehrt kann ADHS die Hochbegabung verdecken. Unaufmerksamkeit, impulsives Verhalten, fehlende Arbeitsorganisation oder unvollständige Aufgaben führen dazu, dass Lehrpersonen und Eltern das kognitive Potenzial unterschätzen. Das Kind wirkt leistungsmässig durchschnittlich oder sogar schwach, obwohl seine intellektuellen Fähigkeiten weit darüber liegen. Gerade diese gegenseitige Maskierung ist einer der Hauptgründe, weshalb viele 2e-Kinder (Twice Exceptional) erst spät erkannt werden.
Wenn Unterforderung wie ADHS aussieht
Zusätzliche Verwirrung entsteht dadurch, dass Unterforderung Verhaltensweisen hervorrufen kann, die einer ADHS ähneln. Ein unterforderter hochbegabter Schüler:
schweift gedanklich ab,
träumt,
beschäftigt sich mit anderen Dingen,
vergisst Anweisungen,
stört den Unterricht,
wirkt unkonzentriert.
Diese Verhaltensweisen allein reichen jedoch nicht aus, um auf ADHS zu schliessen.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Aufmerksamkeitsprobleme bei ADHS situationsübergreifend auftreten und nicht allein von der Qualität oder Schwierigkeit der Aufgabe abhängen. Ein Kind, das ausschliesslich bei monotonen Wiederholungen abschaltet, erfüllt deshalb nicht automatisch die diagnostischen Kriterien einer ADHS. Umgekehrt wäre es ebenso problematisch, echte ADHS-Symptome vorschnell als Folge von Unterforderung abzutun. Beides kann gleichzeitig vorhanden sein.
Typische Missverständnisse
Im Zusammenhang mit ADHS und Hochbegabung begegnen Fachpersonen immer wieder denselben Irrtümern. „Ein intelligentes Kind kann kein ADHS haben.“ Falsch. Hohe Intelligenz schützt nicht vor einer ADHS „Ein Kind mit ADHS kann nicht hochbegabt sein.“ Ebenfalls falsch. Beide Merkmale können gleichzeitig vorliegen. „Wenn ein Kind sich stundenlang mit seinem Lieblingsthema beschäftigt, kann es kein ADHS haben.“ Auch das stimmt nicht. Menschen mit ADHS können bei starkem Interesse einen sogenannten Hyperfokus entwickeln. Dieser schliesst eine ADHS keineswegs aus.
Was bedeutet das für die Diagnostik?
Entscheidend ist die Differentialdiagnostik: Treten Aufmerksamkeits- und Organisationsprobleme situationsübergreifend auf oder vor allem bei Unterforderung? Ein IQ-Wert allein beantwortet diese Frage ebenso wenig wie eine einzelne Verhaltensbeobachtung. Was eine fundierte Diagnostik leisten sollte, beschreibe ich weiter unten ausführlicher.
Fazit
ADHS und Hochbegabung sind zwei voneinander unabhängige Merkmale, die sich häufiger überschneiden als statistisch zu erwarten wäre. Treffen sie zusammen, entsteht oft ein Entwicklungsprofil mit grossen Stärken und gleichzeitig erheblichen Herausforderungen.
Die eigentliche Schwierigkeit besteht deshalb nicht darin, ADHS oder Hochbegabung zu erkennen, sondern darin, beides gleichzeitig im Blick zu behalten. Nur so lässt sich vermeiden, dass das Potenzial eines Kindes übersehen oder seine Unterstützungsbedürfnisse unterschätzt werden.
Wissenschaftliche Quellen
Cornoldi, C., Giofrè, D., & Toffalini, E. (2023). Cognitive characteristics of intellectually gifted children with a diagnosis of ADHD.
Kontakou, A., Dimitriou, G., Panagouli, E., Thomaidis, L., Psaltopoulou, T., Sergentanis, T. N., & Tsitsika, A. (2022). Giftedness and Neurodevelopmental Disorders in Children and Adolescents: A Systematic Review. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 43(7), e483–e497.
Antshel, K. M., et al. (2007). Attention Deficit Hyperactivity Disorder in the Context of High Intelligence.Journal of Child Psychology and Psychiatry.
Webb, J. T., Amend, E. R., Webb, N. E., et al. (2016). Misdiagnosis and Dual Diagnoses of Gifted Children and Adults. Dieses Standardwerk beschreibt ausführlich die diagnostischen Herausforderungen bei der Unterscheidung und dem gemeinsamen Auftreten von Hochbegabung und ADHS.
LRS, Dyskalkulie und Hochbegabung
Auf den ersten Blick scheint es widersprüchlich: Wie kann ein Kind hochbegabt sein und gleichzeitig erhebliche Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen haben? Die Antwort lautet: Weil Hochbegabung und Teilleistungsstörungen unterschiedliche Bereiche der kognitiven Entwicklung betreffen.
Eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS) oder Dyskalkulie sagt nichts über die allgemeine Intelligenz eines Menschen aus. Umgekehrt schützt eine hohe Intelligenz nicht davor, eine spezifische Lernstörung zu entwickeln. Deshalb können beide Merkmale gleichzeitig auftreten – Fachleute sprechen dann von Twice Exceptional (2e), den 2doppelten Ausnahmen, die wie oben besprochen auch in anderen Kombinationen vorkommen können (Fachportal Hochbegabung).
Was sind LRS und Dyskalkulie?
Die Lese-Rechtschreibstörung und Dyskalkulie werden im DSM-5 unter den spezifischen Lernstörungen eingeordnet. Betroffene Kinder zeigen anhaltende und deutliche Schwierigkeiten beim Erwerb schulischer Fertigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Eine mindestens durchschnittliche Intelligenz ist nach DSM-5 keine Voraussetzung für die Diagnose; das frühere IQ-Diskrepanzkriterium wurde aufgegeben (Die Hochbegabung). Eine LRS zeigt sich beispielsweise durch:
langsames und stockendes Lesen,
Schwierigkeiten beim Leseverständnis,
anhaltende Rechtschreibfehler,
Probleme bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung.
Kinder mit Dyskalkulie kämpfen hingegen oft mit:
dem Verständnis von Mengen und Zahlen,
dem Aufbau eines tragfähigen Zahlbegriffs,
Rechenstrategien,
dem Automatisieren grundlegender Rechenoperationen.
Diese Schwierigkeiten verschwinden nicht einfach durch mehr Übung, weil sie auf Besonderheiten der Informationsverarbeitung beruhen.
Hochbegabung kann eine Lernstörung lange verbergen
Gerade hochbegabte Kinder entwickeln häufig beeindruckende Kompensationsstrategien. Ein Kind mit LRS versteht beispielsweise komplexe Inhalte, verfügt über einen grossen Wortschatz und argumentiert auf einem aussergewöhnlich hohen Niveau. Beim Schreiben macht es jedoch zahlreiche Fehler oder liest auffallend langsam. Ebenso kann ein hochbegabtes Kind mit Dyskalkulie mathematische Zusammenhänge intuitiv verstehen, scheitert aber an den grundlegenden Rechenfertigkeiten oder verwechselt Zahlen und Rechenzeichen. Die hohe Intelligenz gleicht die Teilleistungsstörung zunächst teilweise aus. Dadurch erscheinen die schulischen Leistungen oft durchschnittlich. Genau deshalb bleibt die eigentliche Problematik häufig lange unerkannt (Fachportal Hochbegabung).
Umgekehrt kann die Lernstörung die Hochbegabung verdecken
Die Maskierung funktioniert auch in die andere Richtung: In vielen Schulen werden die Leistungen im Lesen, Schreiben und Rechnen stark gewichtet. Hat ein Kind dort grosse Schwierigkeiten, fällt zunächst die Lernstörung auf. Seine aussergewöhnlichen Denkfähigkeiten geraten dagegen leicht aus dem Blick. Nicht selten hören Eltern Sätze wie:
«Dafür ist er viel zu schwach im Lesen.»
«Mit dieser Rechtschreibung kann sie nicht hochbegabt sein.»
«Er rechnet viel zu langsam.»
Solche Aussagen sind fachlich nicht haltbar. Eine Teilleistungsstörung schliesst Hochbegabung nicht aus. Im Gegenteil: Gerade die grosse Diskrepanz zwischen aussergewöhnlichen Stärken und erheblichen Schwierigkeiten kann ein wichtiger Hinweis auf eine 2e-Konstellation sein.
Das durchschnittliche Zeugnis täuscht
Mal abgesehen davon, dass du vielleicht schon weisst, dass ich von Noten wenig halte: Gerade bei 2e können durchschnittliche Zeugnisse täuschen. Die hohe Intelligenz fängt einen Teil der Lernstörung auf, während die Lernstörung Spitzenleistungen verhindert. Das Ergebnis wirkt unauffällig – obwohl das zugrunde liegende Profil alles andere als durchschnittlich ist. (Fachportal Hochbegabung)
Was bedeutet das für Diagnostik und Förderung?
Gerade bei auffälligen Diskrepanzen lohnt sich ein genauer Blick: Passt der mündliche Ausdruck nicht zu den schriftlichen Leistungen? Versteht das Kind komplexe Zusammenhänge deutlich besser, als sein Zeugnis vermuten lässt? Zeigt es aussergewöhnliche Denkstrategien trotz erheblicher Schwierigkeiten in einzelnen schulischen Fertigkeiten? Solche Widersprüche sind diagnostisch oft aussagekräftiger als eine isolierte Note.
Fazit
LRS, Dyskalkulie und Hochbegabung schliessen sich nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil: Sie können gemeinsam auftreten und sich dabei gegenseitig verdecken. Für betroffene Kinder hat das weitreichende Folgen. Werden nur die Schwierigkeiten gesehen, bleiben ihre Potenziale ungenutzt. Werden dagegen nur die Stärken wahrgenommen, erhalten sie oft nicht die notwendige Unterstützung. Deshalb gilt gerade bei diesen Kindern: Nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch. Erst wenn beide Seiten erkannt werden, kann eine Förderung gelingen, die dem Kind wirklich gerecht wird.
Quellen
Expertenkreis Hochbegabung/Potentiale: LRS und Dyskalkulie – Überblick über das gemeinsame Auftreten von Hochbegabung und Teilleistungsstörungen. (Die Hochbegabung)
Müller-Oppliger, V., & Weigand, G. (Hrsg.). (2021). Handbuch Begabung. Beltz. (Kapitel von Baum & Schader zu Twice Exceptionality; wird auch von der Karg-Stiftung als Standardreferenz verwendet.) (Fachportal Hochbegabung)
Tourette und weitere Neurodivergenzen
Im Vergleich zu Autismus, ADHS oder spezifischen Lernstörungen ist die wissenschaftliche Datenlage zu Tourette-Syndrom und Hochbegabung deutlich dünner. Bislang gibt es keine überzeugenden Belege, dass Menschen mit Tourette häufiger hochbegabt sind als die Allgemeinbevölkerung.
Das bedeutet jedoch nicht, dass beide Merkmale nicht gemeinsam auftreten können. Wie bei allen Neurodivergenzen gibt es selbstverständlich auch hochbegabte Menschen mit Tourette. Die Forschung sieht darin derzeit jedoch keinen systematischen Zusammenhang, sondern geht überwiegend von einer zufälligen oder individuellen Überschneidung aus.
Was ist das Tourette-Syndrom?
Das Tourette-Syndrom ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die durch motorische und vokale Tics gekennzeichnet ist. Tics sind plötzliche, wiederkehrende und unwillkürliche Bewegungen oder Lautäusserungen, deren Intensität im Laufe der Zeit schwanken kann. Viele Betroffene haben zusätzlich weitere neurodevelopmentale Besonderheiten. Besonders häufig treten auf:
ADHS,
Autismus,
Zwangsstörungen,
Angststörungen oder
spezifische Lernstörungen.
Gerade diese Begleiterkrankungen erschweren häufig die Diagnostik und können den Schulalltag stärker beeinflussen als die Tics selbst.
Gibt es einen Zusammenhang mit Hochbegabung?
Bis heute lautet die ehrliche Antwort auch hier: Wir wissen es nicht. Anders als beim Autismus-Spektrum oder bei ADHS fehlen grosse Studien, die eine erhöhte Häufigkeit von Hochbegabung bei Menschen mit Tourette nachweisen. Dennoch berichten Fachpersonen immer wieder von einzelnen hochbegabten Kindern mit Tourette. Solche Fallbeschreibungen reichen jedoch nicht aus, um daraus allgemeine Aussagen abzuleiten. Gelegentlich wird auch vermutet, dass manche Menschen mit Tourette überdurchschnittlich kreativ oder besonders ideenreich seien. Wissenschaftlich belegt ist diese Annahme bislang jedoch nicht.
Hochbegabung kann mit einer oder mehreren Neurodivergenzen zusammen auftreten.
Weitere Neurodivergenzen
Neben Autismus, ADHS, LRS und Dyskalkulie werden heute noch weitere neurologische Entwicklungsvarianten unter dem Begriff Neurodivergenz zusammengefasst. Dazu gehören unter anderem:
Dyspraxie (Entwicklungsstörung der motorischen Koordination): Schwierigkeiten bei der Planung und Ausführung von Bewegungsabläufen, während das Denkvermögen völlig unbeeinträchtigt sein kann.
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS): Schwierigkeiten, gehörte Informationen korrekt zu verarbeiten, obwohl das Gehör selbst normal funktioniert.
Nonverbale Lernstörung (NVLD): Ein Profil mit oft sehr guten sprachlichen Fähigkeiten, aber deutlichen Schwierigkeiten im räumlich-visuellen Denken und in der sozialen Interpretation. Im deutschsprachigen Raum ist NVLD bisher noch wenig bekannt und diagnostisch nicht einheitlich definiert.
Entwicklungsbedingte Koordinationsstörung (DCD): Vor allem motorische Schwierigkeiten, die nicht mit der Intelligenz zusammenhängen.
Für keine dieser Neurodivergenzen gibt es derzeit belastbare Hinweise darauf, dass Hochbegabung grundsätzlich häufiger vorkommt als in der Allgemeinbevölkerung. Gleichzeitig gilt auch hier: Eine hohe Intelligenz schliesst diese Entwicklungsbesonderheiten keineswegs aus.
Die gemeinsame Herausforderung
Unabhängig von der jeweiligen Neurodivergenz stehen Fachpersonen immer vor derselben Aufgabe: Stärken und Schwierigkeiten gleichermassen wahrzunehmen. Ein Kind ist nicht allein wegen seiner Diagnose definiert. Ebenso wenig lässt sich sein Entwicklungsprofil auf einen hohen IQ reduzieren. Gerade bei seltenen Kombinationen lohnt sich deshalb eine differenzierte Diagnostik, die sowohl das kognitive Potenzial als auch die individuellen Unterstützungsbedürfnisse berücksichtigt.
Fazit
Für Autismus existiert vergleichsweise mehr Forschung zu hochbegabten bzw. akademisch talentierten Teilgruppen. Für ADHS und spezifische Lernstörungen sind die Ergebnisse widersprüchlich. Für Tourette und weiter Neurodvergenzen ist die Evidenz nochmals deutlich dünner .
Die wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Fehlende wissenschaftliche Belege bedeuten nicht, dass die Kombination nicht vorkommt. Sie bedeuten lediglich, dass sie bisher nicht ausreichend untersucht wurde. Genau deshalb sollten Diagnostik und Förderung immer das einzelne Kind in den Mittelpunkt stellen – und nicht statistische Wahrscheinlichkeiten.
Müller-Oppliger, V., & Weigand, G. (Hrsg.). (2021). Handbuch Begabung. Beltz.
Evers, T. (2021). Twice Exceptionals sicher erkennen, sensibel beraten und individuell fördern. Karg-Stiftung.
Die Wissenschaft hinter 2e (Twice Exceptional)
Ein Kind löst komplexe mathematische Probleme im Kopf, schreibt aber fehlerhafte Diktate. Ein anderes diskutiert philosophische Fragen auf Gymnasialniveau, scheitert jedoch daran, seine Schulsachen zu organisieren. Solche Kinder wirken auf den ersten Blick widersprüchlich – tatsächlich sind sie häufig zweimal aussergewöhnlilch international als Twice Exceptional (2e) bezeichnet.
Der Begriff beschreibt Menschen, die gleichzeitig hochbegabt und von einer weiteren neurodevelopmentalen Besonderheit oder einer spezifischen Lernstörung betroffen sind. Dazu gehören beispielsweise ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreibstörung oder Dyskalkulie (Fachportal Hochbegabung).
Was bedeutet «Twice Exceptional»?
Der Begriff entstand in den USA und hat sich inzwischen auch im deutschsprachigen Raum etabliert. Wörtlich übersetzt bedeutet er «zweifach aussergewöhnlich». «Aussergewöhnlich» bezieht sich dabei auf zwei unterschiedliche Dimensionen:
eine überdurchschnittliche kognitive Begabung,
gleichzeitig eine Beeinträchtigung oder Entwicklungsbesonderheit, die das Lernen oder den Alltag erschwert.
Diese Kombination führt dazu, dass weder die Hochbegabung noch die Neurodivergenz immer sofort erkannt werden. Genau darin liegt die Besonderheit von 2e.
Das Phänomen der gegenseitigen Maskierung
Die Forschung beschreibt drei typische Muster, warum 2e-Kinder häufig übersehen werden.
1. Die Hochbegabung verdeckt die Schwierigkeiten
Hohe kognitive Fähigkeiten können Schwierigkeiten teilweise kompensieren. Die Neurodivergenz bleibt dadurch lange wenig sichtbar.
2. Die Neurodivergenz verdeckt die Hochbegabung
Umgekehrt können auffällige Schwierigkeiten den Blick so stark binden, dass das hohe kognitive Potenzial übersehen wird.
3. Beide maskieren sich gegenseitig
Manchmal gleichen sich beide Seiten teilweise aus: Die Hochbegabung kompensiert Schwierigkeiten, während diese gleichzeitig Spitzenleistungen verhindern. Das Ergebnis kann erstaunlich durchschnittlich wirken. Auf beide Richtungen der Maskierung gehe ich weiter unten noch ausführlich ein. (Fachportal Hochbegabung)
Hochbegabung und Neurodivergenz tarnen sich oft gegenseitig.
Warum ist 2e diagnostisch so anspruchsvoll?
Gerade bei 2e-Kindern können Durchschnittswerte in die Irre führen. Ein unauffälliger Gesamtwert kann sehr hohe und deutlich schwächere Teilbereiche miteinander verrechnen. Deshalb ist das individuelle Profil oft wichtiger als eine einzelne Kennzahl. Auf die diagnostischen Konsequenzen gehe ich weiter unten ausführlicher ein.
Twice Exceptional ist keine eigene Diagnose
2e ist keine medizinische oder psychologische Diagnose.
Der Begriff beschreibt vielmehr ein Entwicklungsprofil, bei dem zwei aussergewöhnliche Merkmale gleichzeitig auftreten. Ein Kind erhält deshalb nicht die Diagnose «Twice Exceptional», sondern beispielsweise:
Hochbegabung und ADHS,
Hochbegabung und Autismus,
Hochbegabung und LRS,
Hochbegabung und Dyskalkulie.
2e dient als fachlicher Sammelbegriff für diese Kombinationen.
Was bedeutet das für Schule und Förderung?
Für 2e-Kinder reicht weder eine klassische Begabtenförderung noch eine ausschliessliche Förderung der Schwierigkeiten aus. Ein hochbegabtes Kind mit LRS braucht anspruchsvolle Denkaufgaben und gezielte Unterstützung beim Lesen und Schreiben. Ein hochbegabtes Kind mit ADHS benötigt kognitive Herausforderungen und Hilfen zur Selbststeuerung. Eine gute Förderung berücksichtigt deshalb beide Seiten gleichzeitig:
die aussergewöhnlichen Stärken,
die realen Unterstützungsbedürfnisse.
Nur so lässt sich verhindern, dass Kinder dauerhaft unterfordert, überfordert oder missverstanden werden.
Warum gewinnt das Thema an Bedeutung?
Noch vor zwanzig Jahren wurde Twice Exceptionality im deutschsprachigen Raum kaum thematisiert. Heute wächst das Bewusstsein dafür, dass viele Kinder jahrelang falsch eingeschätzt werden. Internationale Forschung und Erfahrungen aus der Praxis zeigen übereinstimmend, dass eine einseitige Sichtweise – entweder nur auf Defizite oder nur auf Begabungen – dem tatsächlichen Entwicklungsprofil dieser Kinder nicht gerecht wird. Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, sich für eine Perspektive zu entscheiden, sondern beide gleichzeitig einzunehmen.
Woran Eltern eine 2e-Konstellation erkennen können
Eine Twice-Exceptional-Konstellation (2e) zeigt sich oft nicht durch eindeutige Merkmale, sondern durch scheinbare Widersprüche. Das Kind denkt aussergewöhnlich komplex, erzielt aber nur durchschnittliche Schulleistungen. Es versteht anspruchsvolle Zusammenhänge mühelos, scheitert jedoch an einfachen Alltagsaufgaben oder Hausaufgaben. Manche Kinder verfügen über einen beeindruckenden Wortschatz, haben aber grosse Mühe mit der Rechtschreibung oder ihrer Organisation. Andere begeistern sich stundenlang für ein Spezialthema und können sich gleichzeitig kaum zu Routineaufgaben motivieren.
Typisch für 2e ist nicht eine einzelne Auffälligkeit, sondern das Nebeneinander von aussergewöhnlichen Stärken und unerwarteten Schwierigkeiten. Wenn du den Eindruck hast, dass das Potenzial deines Kindes nicht zu seinen Leistungen oder seinem Verhalten passt, lohnt sich eine differenzierte Abklärung, die sowohl die Stärken als auch die Herausforderungen berücksichtigt.
Fazit
Twice Exceptional beschreibt Kinder, deren Stärken und Schwierigkeiten gleichzeitig aussergewöhnlich sein können. Genau dieser scheinbare Widerspruch macht sie im Schulsystem so leicht übersehbar.
Quellen
Karg-Stiftung: Twice Exceptional (Glossareintrag). Definition und Einordnung des Begriffs im deutschsprachigen Raum. (Fachportal Hochbegabung)
Baum, S. & Schader, R. (2021).„Twice Exceptionality“ – in zweifacher Hinsicht aussergewöhnlich. Geschichte, Charakteristika und Möglichkeiten erfolgreichen Lernens. In: Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.), Handbuch Begabung. Beltz. (Gilt als deutschsprachiges Standardkapitel.) (Fachportal Hochbegabung)
Evers, W. (2021). Twice Exceptionals sicher erkennen, sensibel beraten und individuell fördern. Karg-Fachportal. (Fachportal Hochbegabung)
Pauly, C. & Breyel, S. (2023). Von „nicht beschulbar“ bis zum Abitur: eine Chance für Twice Exceptionals. Karg-Fachportal. (Fachportal Hochbegabung)
Karg-Stiftung (2025). Kleines Wörterbuch der Hochbegabung (2., erweiterte Auflage). Enthält aktuelle Definitionen zentraler Fachbegriffe wie «Twice Exceptional». (Pedocs)
Warum Hochbegabung Neurodivergenz maskieren kann
Hochbegabung wird häufig mit aussergewöhnlichen schulischen Leistungen gleichgesetzt. Tatsächlich kann sie jedoch dazu führen, dass eine gleichzeitig bestehende Neurodivergenz über Jahre hinweg unentdeckt bleibt. Gerade bei Kindern mit ADHS, Autismus oder einer spezifischen Lernstörung entwickeln sich oft beeindruckende Kompensationsstrategien, die Schwierigkeiten zunächst verdecken. Dieses Phänomen wird in der Fachliteratur als Maskierung oder Kompensation beschrieben und gilt als eines der zentralen Merkmale von Twice Exceptional (2e).
Intelligenz als Kompensationsfaktor
Hochbegabte Kinder lernen häufig schneller als ihre Altersgenossen. Sie erkennen Zusammenhänge rasch, benötigen weniger Wiederholungen und entwickeln eigene Strategien, um Aufgaben zu lösen. Diese Fähigkeiten können Defizite in anderen Bereichen teilweise ausgleichen. Ein hochbegabtes Kind mit ADHS merkt sich beispielsweise den Unterrichtsstoff bereits nach kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Es muss sich weniger konzentrieren als andere Kinder, um dennoch gute Leistungen zu erzielen. Ein hochbegabtes Kind mit LRS erschliesst sich den Inhalt eines Textes aus dem Zusammenhang, obwohl es einzelne Wörter nur mühsam entziffern kann. Ein autistisches Kind mit hoher Intelligenz beobachtet soziale Situationen so genau, dass es passende Verhaltensweisen bewusst nachahmt, obwohl sie ihm nicht intuitiv zugänglich sind.
Nach aussen wirkt vieles unauffällig – die eigentlichen Schwierigkeiten bleiben verborgen.
Gute Leistungen schliessen Schwierigkeiten nicht aus
Viele Lehrpersonen und Eltern orientieren sich verständlicherweise an den Schulnoten. Sind diese gut oder zumindest durchschnittlich, entsteht leicht der Eindruck, dass keine ernsthaften Probleme bestehen.
Doch genau hier liegt die Gefahr! Ein hochbegabtes Kind kann trotz ADHS, Autismus oder einer Lernstörung lange gute Leistungen erzielen. Nicht weil die Neurodivergenz fehlt, sondern weil die hohe Intelligenz einen Teil der Schwierigkeiten kompensiert. Erst wenn die Anforderungen steigen – etwa mit zunehmender Stoffmenge, komplexeren Arbeitsaufträgen oder höherem Organisationsaufwand – reichen diese Kompensationsstrategien oft nicht mehr aus. Dann treten Schwierigkeiten plötzlich deutlich zutage, obwohl sie schon lange bestanden haben.
Der Preis der Kompensation
Maskierung ist selten kostenlos. Viele hochbegabte neurodivergente Kinder investieren erheblich mehr Energie als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, um den Schulalltag zu bewältigen. Sie beobachten ihr Umfeld permanent, kontrollieren ihr Verhalten, entwickeln komplizierte Merktechniken oder arbeiten deutlich länger an Aufgaben. Von aussen wirken sie erfolgreich. Innerlich erleben sie häufig:
chronische Erschöpfung,
starken Perfektionismus,
Versagensängste,
emotionale Überforderung,
das Gefühl, ständig «funktionieren» zu müssen.
Gerade diese Belastung bleibt im Schulalltag oft unsichtbar.
Typische Warnsignale
Folgende Beobachtungen können darauf hinweisen, dass eine Hochbegabung eine Neurodivergenz maskiert:
Das Kind versteht neue Inhalte aussergewöhnlich schnell, scheitert aber an der Organisation.
Es führt anspruchsvolle Gespräche, vergisst jedoch alltägliche Aufgaben.
Es zeigt enormes Wissen in Spezialgebieten, wirkt im sozialen Miteinander aber unsicher.
Die Leistungen schwanken stark – von Spitzenresultaten bis zu unerklärlichen Fehlern.
Nach der Schule ist das Kind regelmässig erschöpft oder emotional «leer».
Keines dieser Merkmale beweist eine Neurodivergenz. Treten mehrere davon gemeinsam auf, lohnt sich jedoch eine sorgfältige Abklärung.
Warum viele Diagnosen erst spät gestellt werden
Gerade weil hochbegabte Kinder so gut kompensieren können, erhalten viele ihre Diagnose erst im Jugend- oder Erwachsenenalter. Nicht selten hören Eltern zuvor Sätze wie:
«Dafür ist sie viel zu intelligent.»
«Er hat doch gute Noten.»
«Mit etwas mehr Disziplin würde das schon gehen.»
Solche Aussagen beruhen auf einem Missverständnis. Hohe Intelligenz schliesst eine Neurodivergenz nicht aus. Sie kann lediglich dazu beitragen, dass deren Auswirkungen lange weniger sichtbar sind.
Fazit
Hochbegabung kann eine Neurodivergenz nicht verschwinden lassen – sie kann sie jedoch überdecken.
Entscheidend ist deshalb nicht nur, welche Leistung ein Kind zeigt, sondern auch, wie viel Aufwand sie kostet. Gerade die Diskrepanz zwischen sichtbaren Stärken und alltäglichen Herausforderungen kann ein wichtiger Hinweis sein.
Hochbegabung lässt Neurodivergenz nicht verschwinden – sie verändert lediglich, wie sie nach aussen sichtbar wird.
Quellen
Karg-Stiftung: Twice Exceptional – Glossar und Fachinformationen. Das Fachportal beschreibt die gegenseitige Maskierung als zentrales Merkmal von 2e.
Baum, S. & Schader, R. (2021).„Twice Exceptionality“ – in zweifacher Hinsicht aussergewöhnlich. In: Handbuch Begabung (Beltz).
Evers, W. (2021). Twice Exceptionals sicher erkennen, sensibel beraten und individuell fördern. Karg-Stiftung.
Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.). (2021).Handbuch Begabung. Beltz.
Warum Neurodivergenz Hochbegabung maskieren kann
Ebenso wie eine hohe Intelligenz neurodivergente Besonderheiten überdecken kann, funktioniert der Effekt auch in die andere Richtung: Eine Neurodivergenz kann dazu führen, dass eine Hochbegabung übersehen wird.
Das geschieht häufiger, als viele vermuten. In Schule, Diagnostik und Alltag richten sich Aufmerksamkeit und Unterstützung oft verständlicherweise auf die Schwierigkeiten eines Kindes. Seine besonderen Stärken geraten dabei leicht aus dem Blick.
Gerade deshalb erhalten viele hochbegabte neurodivergente Kinder ihre Hochbegabungsdiagnose erst spät – manchmal erst im Jugend- oder Erwachsenenalter.
Wenn Defizite den Blick auf die Stärken verstellen
Kinder mit ADHS, Autismus, LRS oder Dyskalkulie fallen häufig durch Schwierigkeiten auf.
Sie vergessen Hausaufgaben, schreiben fehlerhafte Texte, wirken unaufmerksam oder haben Mühe mit sozialen Situationen. Solche Auffälligkeiten beanspruchen verständlicherweise viel Aufmerksamkeit.
Dabei geht leicht unter, dass dasselbe Kind gleichzeitig:
aussergewöhnlich komplex denkt,
ungewöhnliche Lösungswege entwickelt,
ein enormes Faktenwissen besitzt,
blitzschnell Zusammenhänge erkennt oder
weit über sein Alter hinaus reflektiert.
Die Schwierigkeiten sind sichtbar – die Begabung oft nicht.
Schulische Leistungen sind kein zuverlässiger Massstab
Ein weit verbreitetes Missverständnis lautet:
Wer hochbegabt ist, muss hervorragende Noten haben.
Die Forschung zeigt jedoch, dass dies keineswegs zutrifft.Kinder mit ADHS vergessen Aufgaben oder arbeiten unstrukturiert. Kinder mit LRS verlieren Punkte wegen ihrer Rechtschreibung. Kinder im ASS verweigern unter Umständen Aufgaben, die sie als sinnlos erleben, oder scheitern an unklar formulierten Arbeitsaufträgen. Dadurch spiegeln die Schulnoten häufig nicht das tatsächliche Denkvermögen wider. Gerade bei 2e-Kindern oder solchen mit Mehrfach-Diagnosen sind durchschnittliche oder sogar unterdurchschnittliche Leistungen deshalb kein Widerspruch zu einer hohen Intelligenz!
Diagnostik kann täuschen
Auch Intelligenztests müssen differenziert interpretiert werden. Grosse Unterschiede zwischen einzelnen kognitiven Bereichen können dazu führen, dass ein Gesamtwert das Profil nur unzureichend abbildet. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Zahl am Ende, sondern das Muster der einzelnen Leistungen.
Wenn Verhalten falsch interpretiert wird
Ein weiterer Grund für übersehene Hochbegabung liegt in der Interpretation des Verhaltens. Ein Kind, das ständig Fragen stellt, wird als störend erlebt. Ein anderes verbessert die Lehrperson und gilt als respektlos. Ein drittes diskutiert jede Anweisung und wird als oppositionell wahrgenommen. Dabei können genau diese Verhaltensweisen Ausdruck eines aussergewöhnlich analytischen Denkens sein.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jedes schwierige Verhalten auf Hochbegabung hinweist. Es zeigt jedoch, wie leicht kognitive Stärken hinter auffälligem Verhalten verschwinden können.
Die Folgen einer übersehenen Hochbegabung
Bleibt die Hochbegabung unerkannt, konzentriert sich die Förderung häufig ausschliesslich auf die Defizite: Das Kind erhält Unterstützung beim Lesen, bei der Aufmerksamkeit oder im Sozialverhalten – seine intellektuellen Bedürfnisse bleiben jedoch unberücksichtigt. Die Folgen können sein:
Gerade hochbegabte neurodivergente Kinder berichten später häufig, dass sie sich nie vollständig verstanden fühlten. Sie galten entweder als «zu schwierig» oder als «zu intelligent, um Probleme zu haben» – aber selten als beides zugleich.
Eine Frage der Perspektive
Die Forschung der letzten Jahre hat deutlich gemacht, dass Diagnostik nicht nur nach Defiziten suchen darf. Ebenso wichtig ist die Frage:
Welche aussergewöhnlichen Stärken bringt dieses Kind mit?
Erst wenn Schwierigkeiten und Potenziale gemeinsam betrachtet werden, entsteht ein realistisches Bild der Entwicklung.
Fazit
Eine Neurodivergenz kann die Hochbegabung eines Kindes ebenso wirksam verdecken wie umgekehrt.
Entscheidend ist das Gesamtbild: Wie denkt ein Kind? Welche Strategien entwickelt es? Wo liegen seine aussergewöhnlichen Stärken – und welche Hindernisse stehen ihrer Entfaltung im Weg?
Eine Diagnose kann die Schwierigkeiten eines Kindes erklären – sie beschreibt aber nicht die Grenzen seines Potenzials.
Quellen
Baum, S. & Schader, R. (2021). „Twice Exceptionality“ – in zweifacher Hinsicht aussergewöhnlich. Geschichte, Charakteristika und Möglichkeiten erfolgreichen Lernens. In: Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.), Handbuch Begabung. Beltz.
Evers, W. (2021). Twice Exceptionals sicher erkennen, sensibel beraten und individuell fördern. Karg-Stiftung.
Karg-Stiftung: Fachportal Hochbegabung – Themenbereich Twice Exceptional. Hier werden insbesondere die gegenseitige Maskierung und diagnostische Herausforderungen erläutert.
Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.). (2021).Handbuch Begabung. Beltz.
Typische Fehldiagnosen
Hochbegabung und Neurodivergenz stellen die Diagnostik vor besondere Herausforderungen. Beide können ähnliche Verhaltensweisen hervorrufen, obwohl ihre Ursachen völlig unterschiedlich sind. Gleichzeitig können sie auch gemeinsam auftreten und sich gegenseitig verdecken. Kein Wunder also, dass Fehleinschätzungen keine Seltenheit sind.
Dabei geht es nicht nur um falsche Diagnosen im medizinischen Sinn. Häufiger sind Fehlinterpretationen im Alltag: Lehrpersonen, Eltern oder Fachpersonen ziehen aus einem beobachteten Verhalten vorschnelle Schlüsse, ohne das gesamte Entwicklungsprofil des Kindes zu berücksichtigen. Gerade deshalb ist eine sorgfältige Differentialdiagnostik so wichtig.
«Das Kind hat ADHS»
Ein hochbegabtes Kind wirkt im Unterricht unkonzentriert, träumt vor sich hin oder beschäftigt sich mit anderen Dingen. Schnell entsteht der Verdacht auf ADHS. Tatsächlich kann dieses Verhalten aber auch Ausdruck anhaltender Unterforderung sein. Wer Aufgaben bereits nach wenigen Minuten verstanden hat, schweift verständlicherweise eher ab als ein Kind, das noch intensiv mit dem Stoff beschäftigt ist. Umgekehrt wäre es ebenso falsch, echte ADHS-Symptome ausschliesslich mit Unterforderung zu erklären. Entscheidend ist deshalb die Frage: „Treten die Aufmerksamkeitsprobleme in unterschiedlichen Situationen auf oder vor allem dann, wenn das Kind unterfordert ist?“
«Das Kind ist autistisch»
Ein Kind interessiert sich obsessiv für Astronomie, korrigiert Erwachsene, liebt Routinen und verbringt stundenlang mit seinem Spezialgebiet. Auch hier wird manchmal vorschnell an Autismus gedacht. Tatsächlich zeigen viele hochbegabte Kinder intensive Interessen, ein grosses Bedürfnis nach Präzision oder eine Vorliebe für logische Strukturen. Für eine Autismus-Diagnose reichen diese Merkmale allein jedoch nicht aus. Entscheidend sind unter anderem anhaltende Unterschiede in der sozialen Kommunikation sowie eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, die den Alltag wesentlich beeinflussen.
«Das Kind ist nicht hochbegabt – es hat schlechte Noten»
Einer der häufigsten Irrtümer lautet:
Gute Noten = hochbegabt Schlechte Noten = nicht hochbegabt
Die Forschung widerspricht dieser Annahme eindeutig. Unterforderung, ADHS, Autismus, LRS, Dyskalkulie, Angststörungen oder psychische Belastungen können dazu führen, dass hochbegabte Kinder ihre Fähigkeiten in der Schule nicht zeigen.
Schulnoten messen Leistung – nicht Intelligenz.
alle, die sich damit auseinandersetzen 😉
«Das Kind ist faul»
Ein Kind erledigt Aufgaben nur oberflächlich, vergisst Hausaufgaben oder verweigert Übungen, die es als sinnlos empfindet. Nicht selten wird daraus geschlossen: «Es müsste sich einfach mehr anstrengen.» Dabei können ganz unterschiedliche Ursachen dahinterstehen:
Unterforderung,
ADHS,
Autismus,
Perfektionismus,
Angst vor Fehlern,
fehlende Passung des Unterrichts.
Faulheit ist selten eine hilfreiche Erklärung. Sie beschreibt ein Verhalten, erklärt aber nicht dessen Ursache.
«Das wächst sich aus»
Viele hochbegabte neurodivergente Kinder entwickeln beeindruckende Kompensationsstrategien. Dadurch wirken Schwierigkeiten zeitweise weniger ausgeprägt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie verschwunden sind. Mit steigenden Anforderungen – etwa beim Übergang in die Oberstufe, ans Gymnasium oder an die Hochschule – reichen diese Strategien häufig nicht mehr aus. Dann treten Probleme plötzlich deutlich zutage.
«Mit so einem hohen IQ kann das nicht sein»
Dieser Satz gehört zu den hartnäckigsten Mythen überhaupt. Weder schliesst eine hohe Intelligenz ADHS, ASS oder eine Lernstörung aus, noch verhindern neurodevelopmentale Besonderheiten eine Hochbegabung. Gerade Menschen mit Doppel- oder Mehrfach-Diagnosen zeigen, dass aussergewöhnliche Stärken und erhebliche Schwierigkeiten gleichzeitig auftreten können.
Warum Fehldiagnosen problematisch sind
Problematisch ist nicht nur eine tatsächlich falsche Diagnose. Häufiger bleibt ein Teil des Profils unerkannt: Ein Kind kann beispielsweise korrekt eine ADHS-Diagnose erhalten – und trotzdem wird seine Hochbegabung übersehen. Präziser ist deshalb oft von Fehlinterpretationen, Übersehen oder unvollständiger Diagnostik zu sprechen.
Differentialdiagnostik statt Schubladendenken
Die moderne Diagnostik sollte deshalb eigentlich nicht die Frage:
«Welche Diagnose hat dieses Kind?» stellen,
sondern:
«Welche Faktoren erklären das beobachtete Verhalten am besten?»
Die Antwort entsteht aus dem Zusammenspiel von kognitiven Stärken, Lernvoraussetzungen, Entwicklungsverlauf, Verhalten und schulischer Passung. Die ausführlichen Kriterien guter Diagnostik folgen weiter unten.
Fazit
Verhalten ist selten eindeutig. Dass zwei Kinder sich ähnlich verhalten, bedeutet nicht, dass dieselbe Ursache dahintersteckt. Ebenso kann dieselbe Ursache bei zwei Kindern völlig unterschiedlich aussehen. Gerade deshalb braucht es eine Diagnostik, die neugierig bleibt, statt vorschnell zu urteilen.
Nicht die Frage «Welche Schublade passt?» sollte im Mittelpunkt stehen, sondern «Was braucht dieses Kind, um sein Potenzial entfalten zu können?»
Quellen
Webb, J. T., Amend, E. R., Webb, N. E., et al. (deutsche Ausgabe): Fehldiagnosen und Doppeldiagnosen bei Hochbegabung (Verlag Hans Huber bzw. Hogrefe, je nach Ausgabe). Dieses Werk gilt als Standardliteratur zur Differentialdiagnostik hochbegabter Kinder.
Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.). (2021). Handbuch Begabung. Beltz.
Karg-Stiftung: Fachportal Hochbegabung – Beiträge zu Twice Exceptional und diagnostischen Herausforderungen.
Evers, W. (2021). Twice Exceptionals sicher erkennen, sensibel beraten und individuell fördern. Karg-Stiftung.
Was Schulen häufig übersehen
Schulen stehen heute vor einer anspruchsvollen Aufgabe: Sie sollen Kinder mit ganz unterschiedlichen Lernvoraussetzungen fördern. Gleichzeitig bleibt im hektischen Schulalltag oft wenig Zeit, hinter auffälliges Verhalten zu schauen. Die Folge: Hochbegabte neurodivergente Kinder werden nicht selten missverstanden – nicht aus mangelndem Engagement der Lehrpersonen, sondern weil ihre Stärken und Schwierigkeiten auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen.
Gerade Kinder mit Zwei- oder Mehrfach-Diagnosen fallen deshalb häufig durchs Raster. Ihre Hochbegabung wird von ihren Schwierigkeiten überdeckt, während ihre Schwierigkeiten durch ihre hohe Intelligenz lange kompensiert werden.
Schulische Leistung wird mit Potenzial verwechselt
Noch immer gilt in vielen Köpfen:
Gute Noten = hohe Begabung.
Tatsächlich messen Noten jedoch in erster Linie schulische Leistung unter bestimmten Rahmenbedingungen. Sie hängen unter anderem von Motivation, Arbeitsverhalten, Konzentration, Lernstrategien, emotionaler Belastung und der Passung zwischen Kind und Unterricht ab. Ein hochbegabtes Kind mit ADHS oder LRS kann deshalb durchschnittliche oder sogar schwache Noten schreiben. Umgekehrt erreichen manche Kinder mit durchschnittlicher Intelligenz hervorragende Leistungen durch Fleiss, Ausdauer und gute Lernstrategien.
Noten allein erlauben keine Aussage über das intellektuelle Potenzial eines Kindes.
D. Mazzotti
2e Kinder fallen oft nicht auf, weil Hochbegabung und Neurodivergenz sich zu einem unauffälligen Mittelmass nivellieren.
Auffälliges Verhalten wird vorschnell bewertet
Kinder, die ständig nachfragen, Aufgaben hinterfragen oder ungewöhnliche Lösungswege wählen, gelten schnell als störend, respektlos oder unkooperativ. Dabei kann genau dieses Verhalten Ausdruck eines analytischen Denkens oder einer hohen kognitiven Neugier sein. Ebenso werden Kinder, die träumen, unkonzentriert wirken oder sich langweilen, häufig als wenig motiviert erlebt – obwohl sie den Unterrichtsstoff bereits verstanden haben und schlicht unterfordert sind. Natürlich ist nicht jedes auffällige Verhalten ein Hinweis auf Hochbegabung. Problematisch wird es jedoch, wenn Verhalten bewertet wird, ohne nach seinen Ursachen zu fragen.
Defizite stehen im Mittelpunkt
Schulen sind darauf ausgerichtet, Lernschwierigkeiten möglichst früh zu erkennen. Das ist wichtig – birgt aber auch ein Risiko.Denn wer ausschliesslich auf Defizite blickt, übersieht leicht aussergewöhnliche Stärken. Ein Kind mit einer Lese-Rechtschreibstörung erhält zusätzliche Förderung im Schreiben, seine aussergewöhnlichen mathematischen Fähigkeiten bleiben jedoch unentdeckt. Ein Kind mit ADHS bekommt Unterstützung bei der Aufmerksamkeit, obwohl es komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge weit über seinem Alter versteht. Die Förderung konzentriert sich dann auf das, was fehlt – nicht auf das, was bereits vorhanden ist.
Durchschnittliche Leistungen wirken unauffällig
Gerade doppelt oder mehrfach aussergewöhnliche Kinder zeigen häufig durchschnittliche Leistungen, denn ihre Hochbegabung gleicht einen Teil der Schwierigkeiten aus. Gleichzeitig verhindert die Neurodivergenz Spitzenleistungen. Und von aussen entsteht der Eindruck, alles sei im grünen Bereich. Tatsächlich kostet dieser Durchschnitt viele Kinder enorme Kraft. Sie investieren deutlich mehr Energie als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, um dieselben Ergebnisse zu erzielen. Was nach aussen wie Normalität aussieht, ist oft das Ergebnis permanenter Kompensation.
Begabung wird mit Anpassung verwechselt
Ein weiteres Missverständnis besteht darin, Hochbegabung mit angepasstem Verhalten gleichzusetzen. Viele Menschen erwarten von hochbegabten Kindern, dass sie:
ruhig arbeiten,
gute Noten schreiben,
Anweisungen befolgen,
gerne lernen,
problemlos funktionieren.
Tatsächlich sieht die Realität oft anders aus. Gerade hochbegabte Kinder stellen Fragen, diskutieren Regeln, suchen Sinn, langweilen sich bei Wiederholungen oder verweigern Aufgaben, die sie als unnötig empfinden. Nicht weil sie nicht lernen wollen – sondern weil sie anders lernen.
Hochbegabte Kinder fallen nicht immer auf
Ein weit verbreiteter Irrtum lautet, Hochbegabung sei sofort erkennbar. Tatsächlich gibt es jedoch Kinder, deren aussergewöhnliche Fähigkeiten im Unterricht kaum sichtbar werden. Sie melden sich selten.Sie vermeiden Fehler. Sie passen sich an. Oder sie ziehen sich zurück, weil sie nicht auffallen möchten. Gerade Mädchen sowie sozial angepasste Kinder werden deshalb häufig erst spät erkannt.
Was Schulen stattdessen brauchen
Eine begabungsfördernde Schule fragt nicht zuerst:
«Wo liegen die Schwierigkeiten?»
Sondern ebenso:
«Wo liegen die Stärken?»
Sie betrachtet Leistungen immer im Zusammenhang mit den Lernvoraussetzungen eines Kindes. Sie weiss, dass Unterforderung ebenso belastend sein kann wie Überforderung. Und sie versteht, dass Förderung nicht bedeutet, alle Kinder gleich zu behandeln, sondern jedem Kind das zu geben, was es für seine Entwicklung braucht.
Fazit
Die grösste Gefahr besteht nicht darin, dass Schulen Fehler machen. Sie besteht darin, dass sie Potenziale übersehen, weil diese nicht dem klassischen Bild eines hochbegabten Kindes entsprechen.
Ein Kind ist immer mehr als seine Noten. Mehr als sein Verhalten. Mehr als eine Diagnose. Wer bereit ist, hinter die offensichtlichen Schwierigkeiten zu schauen, entdeckt oft aussergewöhnliche Fähigkeiten, die bislang verborgen geblieben sind.
Gerade darin liegt die eigentliche Aufgabe moderner Begabungsförderung: Nicht nur Defizite auszugleichen, sondern Potenziale sichtbar zu machen.
Abschliessend möchte ich meine ganz persönliche Meinung aus 40 Jahren Lehrtätigkeit, davon 20 Jahren als Förderlehrerin für hochbegabte Kinder, hinzufügen: Das Problem ist selten das Kind. Häufiger ist es die fehlende Passung zwischen den Lernvoraussetzungen des Kindes und den Anforderungen der Schule.
Quellen
Karg-Stiftung: Fachportal Hochbegabung – Beiträge zu Begabungsförderung, Twice Exceptional und schulischer Praxis.
Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.). (2021). Handbuch Begabung. Beltz.
Preckel, F., Vock, M., & Schneider, W. (2019).Hochbegabung. Ein Lehrbuch zu Grundlagen, Diagnostik und Fördermassnahmen. Hogrefe.
Hattie, J. (2023, deutsche Ausgabe). Visible Learning – Lernen sichtbar machen. Schneider Verlag Hohengehren. (Zur Bedeutung diagnostischer Kompetenz und individueller Lernvoraussetzungen.)
Was Eltern beobachten sollten
Eltern verbringenin der Regel mehr Zeit mit ihrem Kind als jede andere Fachperson. Sie erleben, wie es denkt, spielt, lernt, diskutiert, scheitert und sich entwickelt. Gerade deshalb sind ihre Beobachtungen ein wichtiger Baustein, wenn es darum geht, eine mögliche Hochbegabung, Neurodivergenz oder eine Kombination aus beidem zu erkennen. Gleichzeitig gilt: Einzelne Verhaltensweisen sind keine Diagnose. Viele Merkmale, die im Internet als typische Anzeichen für Hochbegabung oder Neurodivergenz beschrieben werden, kommen auch bei völlig unauffällig entwickelten Kindern vor. Entscheidend ist immer das Gesamtbild.
Auffällige Diskrepanzen
Ein wichtiges Warnsignal sind grosse Unterschiede zwischen verschiedenen Entwicklungsbereichen. Beispielsweise:
Ein Kind diskutiert wie ein Jugendlicher, vergisst aber täglich seine Jacke.
Es löst komplexe Denkaufgaben mühelos, scheitert jedoch an einfachen Hausaufgaben.
Es verfügt über einen riesigen Wortschatz, macht aber auffallend viele Rechtschreibfehler.
Es versteht mathematische Zusammenhänge intuitiv, rechnet aber langsam oder fehlerhaft.
Solche Diskrepanzen beweisen keine 2e-Konstellation, sind aber ein guter Grund, genauer hinzuschauen.
Tabelle zeigt typische Stärken und Herausforderungen bei 2e – Diskrepanzen sind ein wichtiger Hinweis für Eltern
Ein hoher Denkanspruch
Viele hochbegabte Kinder stellen ungewöhnliche Fragen. Sie möchten Zusammenhänge verstehen, hinterfragen Regeln und geben sich selten mit oberflächlichen Antworten zufrieden. Typisch sind Fragen wie:
«Warum ist das so?»
«Woher weiss man das?»
«Gibt es dafür Beweise?»
«Könnte es auch anders sein?»
Nicht die Anzahl der Fragen ist dabei entscheidend, sondern deren Tiefe und Komplexität.
Ausgeprägte Interessen
Ein intensives Interesse an einem bestimmten Thema ist zunächst völlig normal. Bei manchen Kindern nimmt dieses Interesse jedoch aussergewöhnliche Ausmasse an. Sie sammeln über Monate oder Jahre detailliertes Wissen, lesen Bücher für deutlich ältere Kinder oder beschäftigen sich freiwillig stundenlang mit einem Fachgebiet. Solche Spezialinteressen kommen sowohl bei hochbegabten als auch bei Kindern im ASS vor. Allein daraus lässt sich deshalb keine Schlussfolgerung ziehen.
Grosse Leistungsschwankungen
Viele Eltern berichten, dass ihr Kind an einem Tag aussergewöhnliche Leistungen zeigt und am nächsten scheinbar einfache Aufgaben nicht bewältigt. Diese Schwankungen können verschiedene Ursachen haben, etwa:
Unterforderung,
ADHS,
emotionale Belastungen,
Perfektionismus,
Erschöpfung oder
Schwierigkeiten bei der Selbststeuerung.
Gerade wenn die Unterschiede sehr ausgeprägt sind, lohnt sich ein genauerer Blick.
Hohe Sensibilität
Einige Kinder reagieren besonders intensiv auf Ungerechtigkeit, Lärm, Gerüche oder starke Emotionen. Sie nehmen Stimmungen schnell wahr und beschäftigen sich früh mit existenziellen Fragen. Eine hohe Sensibilität kann bei hochbegabten Kindern vorkommen, sie ist jedoch kein Merkmal der Hochbegabung an sich. Ebenso tritt sie bei vielen neurodivergenten Kindern oder völlig unabhängig davon auf.Entscheidend ist deshalb wiederum das Gesamtbild.
Der Aufwand hinter den Leistungen
Eine Frage wird häufig übersehen: Wie viel Energie kostet das Kind seine Leistungen? Manche Kinder wirken in der Schule unauffällig, brechen zuhause jedoch völlig zusammen. Sie müssen sich den ganzen Vormittag stark konzentrieren, soziale Situationen bewusst analysieren oder ihre Aufmerksamkeit permanent steuern. Der eigentliche Hinweis liegt dann nicht in den Noten, sondern in der enormen Anstrengung, die dahintersteht.
Wann sollten Eltern genauer hinschauen?
Eine fachliche Abklärung kann sinnvoll sein, wenn mehrere der folgenden Punkte zusammentreffen:
aussergewöhnlich schnelles oder komplexes Denken,
deutliche Entwicklungsunterschiede zwischen einzelnen Bereichen,
grosse Diskrepanz zwischen Potenzial und Schulleistung,
anhaltende Unterforderung oder Langeweile,
auffällige Konzentrations- oder Organisationsprobleme,
intensive Spezialinteressen,
erhebliche emotionale Belastung im Zusammenhang mit Schule,
der Eindruck, dass das Kind sein Potenzial nicht zeigen kann.
Keiner dieser Punkte beweist eine Hochbegabung oder Neurodivergenz. Gemeinsam können sie jedoch Hinweise liefern, die eine genauere Abklärung sinnvoll machen.
Vertraue deiner Beobachtung – aber bleibe offen
Viele Eltern spüren früh, dass ihr Kind «anders» ist. Dieses Bauchgefühl sollte ernst genommen werden. Gleichzeitig lohnt es sich, offen für verschiedene Erklärungen zu bleiben. Nicht jedes aussergewöhnliche Verhalten ist Ausdruck einer Hochbegabung. Ebenso steckt hinter schulischen Schwierigkeiten nicht immer eine Lernstörung. Eine gute Diagnostik hat deshalb nicht das Ziel, eine Vermutung zu bestätigen, sondern das Kind möglichst umfassend zu verstehen.
Untenstehend habe ich dir für den Bedarfsfall eine kleine Checkliste als Hilfestellung zusammengestellt. Wer weiss….
Checkliste: Sollte ich eine Abklärung in Betracht ziehen?
☐ Mein Kind denkt deutlich komplexer, als es seine Leistungen vermuten lassen. ☐ Es zeigt gleichzeitig aussergewöhnliche Stärken und erhebliche Schwierigkeiten. ☐ Lehrpersonen beschreiben mein Kind völlig anders als ich es zuhause erlebe. ☐ Die Noten passen nicht zu meinem Eindruck seines Denkvermögens. ☐ Schule kostet mein Kind unverhältnismässig viel Energie. ☐ Mein Kind fühlt sich häufig missverstanden oder fehl am Platz.
Fazit
Eltern müssen keine Diagnosen stellen. Sie können jedoch etwas beobachten, das in keinem Test vollständig erfasst werden kann: die individuelle Entwicklung ihres Kindes über viele Jahre hinweg. Wenn ein Kind gleichzeitig aussergewöhnliche Stärken und unerwartete Schwierigkeiten zeigt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht um möglichst schnell ein Etikett zu finden, sondern um zu verstehen, welche Unterstützung dieses Kind braucht, damit es seine Fähigkeiten entfalten kann.
Quellen
Preckel, F., Vock, M., & Schneider, W. (2019). Hochbegabung. Ein Lehrbuch zu Grundlagen, Diagnostik und Fördermassnahmen. Hogrefe.
Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.). (2021). Handbuch Begabung. Beltz.
Karg-Stiftung: Fachportal Hochbegabung – Informationen zu Begabung, Twice Exceptional und Diagnostik.
Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) – Materialien für Eltern zur Erkennung und Begleitung hochbegabter Kinder.
Mazzotti, D. (2025). Hochbegabt- und jetzt? BoD
Was eine gute Diagnostik leisten sollte
Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind hochbegabt, neurodivergent oder vielleicht sogar beides ist, wünschen sie sich vor allem eines: Klarheit. Doch genau diese Klarheit lässt sich nicht mit einem einzelnen Test oder einer kurzen Untersuchung erreichen. Eine fundierte Diagnostik besteht nicht darin, möglichst schnell eine Diagnose zu vergeben. Ihr Ziel ist es, das individuelle Entwicklungsprofil eines Kindes zu verstehen – mit seinen Stärken, seinen Herausforderungen und den Wechselwirkungen zwischen beiden.
Gerade bei Kindern mit Zwei- oder Mehrfachdiagnosen ist dieser ganzheitliche Blick entscheidend. Denn weder ein IQ-Test noch eine ADHS- oder Autismusabklärung allein kann die Komplexität dieser Kinder vollständig erfassen.
Diagnostik ist mehr als ein IQ-Test
Viele Eltern setzen Hochbegabungsdiagnostik mit einem Intelligenztest gleich. Tatsächlich ist ein standardisierter IQ-Test ein wichtiger Bestandteil – aber eben nur ein Bestandteil. Ein einzelner Zahlenwert sagt wenig darüber aus,
wie ein Kind denkt,
welche Strategien es nutzt,
warum es Schwierigkeiten hat oder
welches Potenzial möglicherweise durch andere Faktoren verdeckt wird.
Besonders bei neurodivergenten Kindern kann der Gesamt-IQ sogar ein verzerrtes Bild vermitteln. Grosse Unterschiede zwischen einzelnen Teilbereichen sind oft aussagekräftiger als der Gesamtwert selbst. Deshalb sollten immer auch die einzelnen kognitiven Profile betrachtet werden.
Die Anamnese ist unverzichtbar
Eine gute Diagnostik beginnt lange vor dem eigentlichen Test. Sie umfasst unter anderem Fragen zu:
Schwangerschaft und früher Entwicklung,
Sprachentwicklung,
motorischer Entwicklung,
Interessen,
Spielverhalten,
Familiengeschichte,
schulischem Werdegang,
bisherigen Fördermassnahmen,
sozialen Beziehungen,
emotionalem Erleben.
Diese Informationen helfen dabei, Testergebnisse richtig einzuordnen und Zusammenhänge zu erkennen, die in standardisierten Verfahren unsichtbar bleiben.
Beobachtungen sind genauso wichtig wie Testergebnisse
Kinder zeigen ihr Potenzial nicht immer unter Testbedingungen. Deshalb gehört zu einer sorgfältigen Diagnostik auch die Beobachtung:
Wie geht das Kind an neue Aufgaben heran?
Wie reagiert es auf Misserfolge?
Welche Strategien entwickelt es?
Wie flexibel denkt es?
Wie hoch ist seine Frustrationstoleranz?
Welche Themen faszinieren es?
Gerade diese qualitativen Beobachtungen liefern oft Hinweise, die in keinem Testwert sichtbar werden.
Differentialdiagnostik statt Schubladendenken
Ein zentrales Merkmal guter Diagnostik ist die Differentialdiagnostik. Das bedeutet: Nicht jede Auffälligkeit wird sofort einer bestimmten Diagnose zugeordnet. Vielmehr wird geprüft, welche Erklärung das beobachtete Verhalten am besten beschreibt. Beispielsweise:
Ist die geringe Aufmerksamkeit Ausdruck einer ADHS – oder Folge chronischer Unterforderung?
Sind soziale Schwierigkeiten autistisch bedingt – oder Ausdruck einer fehlenden Passung zur Peergruppe?
Sind schwache Schulleistungen Folge einer Lernstörung – oder eines massiven Underachievements?
Gerade diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn verschiedene Erklärungen gleichzeitig geprüft werden.
Diagnostik endet nicht mit einem Testergebnis
Eine gute Diagnostik beantwortet nicht nur die Frage:
«Was hat dieses Kind?»
Sie beantwortet vor allem:
Welche Stärken bringt dieses Kind mit?
Welche Schwierigkeiten erlebt es?
Wie beeinflussen sich beide gegenseitig?
Welche Rahmenbedingungen braucht das Kind, um sein Potenzial entfalten zu können?
Erst daraus lassen sich konkrete Empfehlungen für Eltern, Schule und gegebenenfalls therapeutische Unterstützung ableiten.
Gute Diagnostik schaut ressourcenorientiert
Leider erleben viele Familien, dass sich diagnostische Gespräche fast ausschliesslich um Defizite drehen. Gerade bei hochbegabten neurodivergenten Kindern greift dieser Blick zu kurz. Eine ressourcenorientierte Diagnostik fragt deshalb ebenso konsequent nach:
besonderen Interessen,
kreativen Lösungsstrategien,
aussergewöhnlichen Denkfähigkeiten,
Motivation,
Lernfreude,
sozialen Ressourcen,
unterstützenden Umweltfaktoren.
Denn genau diese Stärken sind später häufig der Schlüssel für erfolgreiche Förderung.
Diagnostik ist der Anfang – nicht das Ende
Viele Eltern erleben die Diagnose als Endpunkt. Tatsächlich sollte sie jedoch der Beginn eines gemeinsamen Entwicklungsprozesses sein. Eine gute Diagnostik schafft Verständnis. Sie ersetzt Schuldgefühle durch Erklärungen. Sie zeigt auf, welche Unterstützung sinnvoll ist. Und sie hilft Eltern und Lehrpersonen, das Verhalten eines Kindes neu einzuordnen. Nicht als Problem, sondern als Ausdruck eines individuellen Entwicklungsprofils.
Fazit
Eine gute Diagnostik beantwortet nicht nur die Frage, ob ein Kind hochbegabt oder neurodivergent ist.
Sie erklärt, wie dieses Kind denkt, lernt und seine Umwelt erlebt.
Gerade bei Kindern, die mehrere „Special Effects“ in ihrem Rucksack tragen, reicht deshalb weder ein IQ-Test noch eine einzelne Diagnose aus. Erst die Verbindung aus standardisierten Verfahren, sorgfältiger Anamnese, differenzierter Beobachtung und ressourcenorientierter Interpretation ergibt ein Bild, das dem Kind wirklich gerecht wird. Denn das Ziel guter Diagnostik ist nicht, Kinder in Schubladen einzuordnen – sondern Türen zu öffnen.
Wie ich diagnostiziere
In meiner Praxis verstehe ich Diagnostik nicht als Suche nach einem Etikett. Mich interessiert, wie ein Kind denkt, lernt und Probleme löst. Deshalb kombiniere ich standardisierte Testverfahren mit einer ausführlichen Anamnese, Verhaltensbeobachtung und der Betrachtung des gesamten Entwicklungsverlaufs. Erst aus diesem Gesamtbild entstehen Empfehlungen, die Eltern und Schulen im Alltag wirklich weiterhelfen. Aufgrund meines fehlenden Psychologie-, resp. Mediizinstudiums bin ich nicht wquallifiert, AD(H)S- oder ASS-Diagnosen zu stellen. Aber aufgrund meiner vier Jahrzehnte dauernden Arbeit mit Kindern habe ich ein ein gutes Gefühl entwickelt, in welche Richtung ein diagnostischer Weg gehen könnte und Eltern fühlen sich gut aufgehoben und beraten.
Quellen
Preckel, F., Vock, M., & Schneider, W. (2019).Hochbegabung. Ein Lehrbuch zu Grundlagen, Diagnostik und Fördermassnahmen. Hogrefe.
Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.). (2021). Handbuch Begabung. Beltz.
Karg-Stiftung: Fachportal Hochbegabung – Beiträge zu Diagnostik, Twice Exceptional und Beratung.
Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK): Empfehlungen zur Hochbegabungsdiagnostik.
AWMF-Leitlinien zu ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen und Lese-Rechtschreibstörung (für die jeweiligen Differentialdiagnosen).
Die 10 häufigsten Mythen über Hochbegabung und Neurodivergenz
Kaum ein Thema ist so von Halbwissen, persönlichen Erfahrungen und vereinfachenden Aussagen geprägt wie die Verbindung von Hochbegabung und Neurodivergenz. In sozialen Medien halten sich viele Behauptungen hartnäckig – obwohl sie wissenschaftlich längst widerlegt oder zumindest deutlich differenzierter zu betrachten sind.
Die folgenden zehn Mythen begegnen mir in meiner Arbeit besonders häufig.
Mythos 1: Alle hochbegabten Menschen sind neurodivergent.
Falsch. Hochbegabung kann gemeinsam mit Neurodivergenz auftreten. Wie häufig einzelne Kombinationen sind, ist jedoch unterschiedlich gut erforscht und lässt sich nicht pauschal für «neurodivergente Menschen» beantworten.
Mythos 2: ADHS macht intelligent.
Falsch. Menschen mit ADHS kommen über das gesamte Intelligenzspektrum vor. ADHS macht nicht intelligent; zur Häufigkeit der Kombination mit Hochbegabung ist die Studienlage uneinheitlich.
Mythos 3: Menschen im Autismusspektrum sind immer hochbegabt.
Falsch. Autistische Menschen kommen über das gesamte Intelligenzspektrum vor. ASS sagt für sich genommen nichts darüber aus, wie hoch die Intelligenz eines Menschen ist.
Mythos 4: Schlechte Noten schliessen Hochbegabung aus.
Falsch. Schulnoten messen Leistung unter bestimmten Bedingungen – nicht Intelligenz. Gerade bei 2e kann die sichtbare Leistung deutlich unter dem kognitiven Potenzial liegen.
Mythos 5: Hochbegabte Kinder lernen immer gerne.
Nicht unbedingt. Lernfreude hängt stark von Herausforderung und Passung ab. Dauernde Wiederholungen und Unterforderung können auch bei hochbegabten Kindern Motivation zerstören.
Mythos 6: Ein hoher IQ schützt vor psychischen Belastungen.
Falsch. Eine hohe Intelligenz schützt weder vor Depressionen noch vor Angststörungen, Burnout oder anderen psychischen Erkrankungen. Entscheidend sind unter anderem soziale Beziehungen, Selbstwert, familiäre Unterstützung und die Passung zwischen den Anforderungen der Umwelt und den individuellen Fähigkeiten.
Mythos 7: Ein IQ-Test beantwortet alle Fragen.
Falsch. Ein IQ-Test ist ein wichtiges Instrument, aber kein Gesamtporträt. Motivation, Persönlichkeit, Belastungen und neurodevelopmentale Besonderheiten müssen separat betrachtet werden.
Mythos 8: Hochbegabte Kinder brauchen keine Unterstützung.
Falsch. Begabung ist Potenzial, keine Garantie für gelingende Entwicklung. Besonders 2e-Kinder brauchen gleichzeitig Herausforderung und passende Unterstützung.
Mythos 9: Neurodivergenz ist nur eine Modeerscheinung.
Falsch. Die Begriffe haben sich verändert, nicht jedoch die Kinder. ADHS, ASS oder Lese-Rechtschreibstörungen wurden bereits vor Jahrzehnten wissenschaftlich beschrieben. Heute erkennen Fachpersonen viele Kinder früher und differenzierter. Gleichzeitig wird intensiver darüber diskutiert, wodurch der Eindruck entstehen kann, Neurodivergenz sei plötzlich «überall».
Mythos 10: Eine Diagnose definiert ein Kind.
Der vielleicht gefährlichste Irrtum. Eine Diagnose beschreibt bestimmte Merkmale oder Unterstützungsbedarfe. Sie sagt jedoch nicht aus,
wie intelligent ein Kind ist,
welche Interessen es entwickelt,
welche Talente es besitzt,
wie glücklich es wird oder
welchen Lebensweg es einschlagen wird.
Kinder sind immer mehr als ihre Diagnose. Und sie sind ebenso immer mehr als ihr IQ!
Fazit
Die Mythen zeigen vor allem eines: Einfache Formeln werden der Verbindung von Hochbegabung und Neurodivergenz nicht gerecht.
Nicht jedes ungewöhnliche Verhalten ist Ausdruck einer Hochbegabung. Nicht jede Schwierigkeit ist Folge einer Neurodivergenz. Und manchmal treffen beide Welten gleichzeitig aufeinander.
Gerade dann braucht es Menschen, die bereit sind, genauer hinzuschauen.
Quellen
Die in diesem Kapitel beschriebenen Aussagen stützen sich auf die im gesamten Artikel verwendete Fachliteratur, insbesondere:
Preckel, F., Vock, M., & Schneider, W. (2019). Hochbegabung. Ein Lehrbuch zu Grundlagen, Diagnostik und Fördermassnahmen. Hogrefe.
Müller-Oppliger, V. & Weigand, G. (Hrsg.). (2021). Handbuch Begabung. Beltz.
Karg-Stiftung: Fachportal Hochbegabung (Twice Exceptional, Diagnostik und Förderung).
Mullet, D. R., Rinn, A. N., et al. (2022). Giftedness and Neurodevelopmental Disorders in Children and Adolescents: A Systematic Review.
Gelbar, N. W., Cascio, A. A., Madaus, J. W., & Reis, S. M. (2022). A Systematic Review of the Research on Gifted Individuals with Autism Spectrum Disorder.
Kontakou, A., Dimitriou, G., Panagouli, E., Thomaidis, L., Psaltopoulou, T., Sergentanis, T. N., & Tsitsika, A. (2022). Giftedness and Neurodevelopmental Disorders in Children and Adolescents: A Systematic Review. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 43(7), e483–e497.
Fazit: Nicht in Schubladen denken, sondern Zusammenhänge verstehen
Hochbegabung und Neurodivergenz beschreiben unterschiedliche Aspekte menschlicher Entwicklung. Sie können unabhängig voneinander auftreten oder zusammenkommen – und genau dann können sich Stärken und Schwierigkeiten gegenseitig verdecken.
Deshalb reicht weder der Blick auf einen IQ-Wert noch auf eine Diagnose, Schulnoten oder einzelnes Verhalten. Entscheidend ist das individuelle Profil: Welche Voraussetzungen bringt dieses Kind mit? Wo liegen seine aussergewöhnlichen Stärken? Was erschwert ihm den Alltag oder das Lernen? Und welche Rahmenbedingungen braucht es, damit es sein Potenzial entfalten kann?
Die Antwort auf die Ausgangsfrage lautet deshalb nicht schlicht Ja oder Nein: Hochbegabung und Neurodivergenz können gemeinsam auftreten, aber für eine pauschal erhöhte Hochbegabungsrate bei neurodivergenten Menschen gibt es derzeit keine ausreichend belastbare Grundlage. Je nach Neurodivergenz ist die Datenlage unterschiedlich – von vergleichsweise gut beschriebenen 2e-Konstellationen bis zu widersprüchlichen oder sehr dünnen Befunden. Neurodivergenz bedeutet nicht Hochbegabung – und Hochbegabung nicht Neurodivergenz.
Für die Praxis ist ohnehin etwas anderes entscheidend:
Es geht um Kinder, die gesehen, verstanden und passend begleitet werden möchten.
Du fragst dich, ob dein Kind hochbegabt, neurodivergent oder vielleicht beides sein könnte? Eine sorgfältige Diagnostik und individuelle Beratung können helfen, Stärken und Herausforderungen besser zu verstehen. Informiere dich über meine Angebote oder nimm unverbindlich Kontakt mit mir auf.
Ist Hochbegabung eine Neurodivergenz? Hochbegabung ist keine medizinische Diagnose und wird in Klassifikationssystemen wie ICD-11 oder DSM-5-TR nicht als neurodevelopmentale Störung geführt. Ob Hochbegabung unter den weiter gefassten gesellschaftlichen Begriff Neurodivergenz gezählt wird, ist dagegen nicht einheitlich definiert.
Sind neurodivergente Menschen häufiger hochbegabt? Bei bestimmten Neurodivergenzen gibt es Hinweise auf eine überzufällige Überschneidung mit Hochbegabung. Besonders untersucht ist die Kombination von Autismus und Hochbegabung. Für ADHS und spezifische Lernstörungen ist die Datenlage weniger eindeutig. Neurodivergenz bedeutet keinesfalls automatisch Hochbegabung.
Was bedeutet 2e oder Twice Exceptional? Twice Exceptional, kurz 2e, bezeichnet Menschen, bei denen eine hohe Begabung gleichzeitig mit einer Beeinträchtigung oder neurodevelopmentalen Besonderheit wie ADHS, Autismus, LRS oder Dyskalkulie auftritt. Beide Seiten können sich gegenseitig maskieren.
Können hochbegabte Kinder ADHS haben? Ja. Hochbegabung und ADHS schliessen sich nicht aus. Hohe kognitive Fähigkeiten können ADHS-bedingte Schwierigkeiten lange kompensieren, während ADHS gleichzeitig dazu führen kann, dass eine Hochbegabung nicht erkannt wird.
Können autistische Kinder hochbegabt sein? Ja. Autistische Menschen kommen über das gesamte Intelligenzspektrum vor. Autismus und Hochbegabung können gleichzeitig auftreten. Besonders bei hoher Intelligenz kann Autismus allerdings lange unentdeckt bleiben, weil Betroffene bestimmte Schwierigkeiten kompensieren oder maskieren.
Kann ein hochbegabtes Kind eine LRS oder Dyskalkulie haben? Ja. Eine spezifische Lernstörung sagt nichts darüber aus, wie hoch die allgemeine Intelligenz eines Kindes ist. Gerade hochbegabte Kinder können Schwierigkeiten lange kompensieren, sodass weder die Lernstörung noch die Hochbegabung sofort auffällt.
Woran erkennt man ein 2e-Kind? Ein wichtiger Hinweis sind grosse Diskrepanzen: Ein Kind denkt beispielsweise aussergewöhnlich komplex, hat aber erhebliche Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation, Lesen, Schreiben oder Rechnen. Einzelne Merkmale reichen jedoch nicht für eine Diagnose aus.
Wann ist eine Abklärung sinnvoll? Eine Abklärung kann sinnvoll sein, wenn die Fähigkeiten, schulischen Leistungen und alltäglichen Schwierigkeiten eines Kindes auffällig wenig zusammenpassen. Bei Verdacht auf 2e sollte die Diagnostik sowohl das kognitive Potenzial als auch mögliche neurodevelopmentale Besonderheiten berücksichtigen.
Ergänzendes Literaturverzeichnis
Conceptions of Giftedness (Hrsg. Robert J. Sternberg & Janet E. Davidson, 2005). American Psychological Association. (2023). Intelligence. APA Dictionary of Psychology. Deary, I. J. (2020). Intelligence: A Very Short Introduction (2. Aufl.). Oxford University Press. Schneider, W., & Sparfeldt, J. R. (2022). Intelligenz. In Enzyklopädie der Psychologie. Hogrefe. Sternberg, R. J. (2020). The Cambridge Handbook of Intelligence (2. Aufl.). Cambridge University Press. Handbook of Giftedness in Children (Hrsg. Steven I. Pfeiffer, 2018). Gelbar, N. W., Cascio, A. A., Madaus, J. W., & Reis, S. M. (2022). A Systematic Review of the Research on Gifted Individuals with Autism Spectrum Disorder. Gifted Child Quarterly. Mullet, D. R., Rinn, A. N., & Kollegen (2022). Giftedness and Neurodevelopmental Disorders in Children and Adolescents: A Systematic Review. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics. Foley Nicpon, M., Allmon, A., Sieck, B., & Stinson, R. (2011). Empirical Investigation of Twice-Exceptionality. Gifted Child Quarterly. Burger-Veltmeijer, A. E. J., Minnaert, A., & Van Houten-Van den Bosch, E. J. (2011). The Co-occurrence of Intellectual Giftedness and Autism Spectrum Disorders. Educational Research Review. Cornoldi, C., Giofrè, D., & Toffalini, E. (2023). Cognitive characteristics of intellectually gifted children with a diagnosis of ADHD.
2 Kommentare zu „Sind neurodivergente Menschen häufiger hochbegabt?“
Von: Monica
Wo in der Schweiz werden 2e Abklärungen durchgeführt?
Hallo Monica
Eine eigentliche «2e-Abklärung» als separates diagnostisches Verfahren gibt es so nicht. 2e beschreibt das gleichzeitige Vorliegen einer Hochbegabung und einer weiteren Besonderheit bzw. Diagnose, beispielsweise ADHS, Autismus oder einer Lernstörung.
Ein sinnvoller erster Schritt kann eine fundierte Hochbegabungsabklärung sein, beispielsweise beim Schulpsychologischen Dienst oder bei einer spezialisierten Fachperson – solche Abklärungen biete auch ich an. Dabei zeigt sich häufig bereits, ob das Leistungsprofil sehr heterogen ist oder sich andere Auffälligkeiten zeigen, denen gezielt weiter nachgegangen werden sollte.
Je nach Befund erfolgt dann eine weiterführende Abklärung bei der entsprechenden Fachstelle. Wichtig ist gerade bei 2e, das Gesamtbild im Auge zu behalten, weil Hochbegabung und zusätzliche Besonderheiten sich gegenseitig überlagern, kompensieren oder maskieren können.
Wo in der Schweiz werden 2e Abklärungen durchgeführt?
Hallo Monica
Eine eigentliche «2e-Abklärung» als separates diagnostisches Verfahren gibt es so nicht. 2e beschreibt das gleichzeitige Vorliegen einer Hochbegabung und einer weiteren Besonderheit bzw. Diagnose, beispielsweise ADHS, Autismus oder einer Lernstörung.
Ein sinnvoller erster Schritt kann eine fundierte Hochbegabungsabklärung sein, beispielsweise beim Schulpsychologischen Dienst oder bei einer spezialisierten Fachperson – solche Abklärungen biete auch ich an. Dabei zeigt sich häufig bereits, ob das Leistungsprofil sehr heterogen ist oder sich andere Auffälligkeiten zeigen, denen gezielt weiter nachgegangen werden sollte.
Je nach Befund erfolgt dann eine weiterführende Abklärung bei der entsprechenden Fachstelle. Wichtig ist gerade bei 2e, das Gesamtbild im Auge zu behalten, weil Hochbegabung und zusätzliche Besonderheiten sich gegenseitig überlagern, kompensieren oder maskieren können.