Paul saß auf der Betontreppe vor der Turnhalle, die Knie angezogen, ein Stofftaschentuch, das ursprünglich wohl mal weiß gewesen war, nun aber einen Grauton angenommen hatte, fest über die Nase gedrückt. Neben ihm stand Herr Hunter mit einer Wasserflasche. „Kleine Schritte, Paul. Durch die Nase einatmen, Luft anhalten, durch den Mund ausatmen.“
Paul nickte, doch seine Augen waren fest zusammengekniffen, als würde jeder Atemzug wie der Feueratem eines Urdrachen brennen.
Ein paar Jungs gruppierten sich in sicherer Entfernung. Die Blicke eine Mischung aus Unsicherheit, Respekt und Angst. „Boah, der riecht doch durch Wände“, flüsterte einer und kicherte. Ein anderer formte eine übergroße Nase mit den Händen. Herr Hunter drehte sich scharf um, die Jungs trollten sich.
Moïra blieb zögernd ein paar Stufen tiefer stehen. So hatte sie Paul noch nie gesehen: nicht großspurig, nicht stichelnd, sondern ganz still, als ob sein Talent heute zu schwer zu tragen wäre. Aria stupste sie an. „Komm, wir gehen.“
Aber Moïra schüttelte den Kopf. Ein Gefühl der Verbundenheit überkam sie; sie wollte für Paul da sein, ihm zeigen, dass er nicht allein war.
Herr Hunter setzte sich neben Paul. Er hob den Arm, als wollte er ihn um Pauls Schulter legen, zögerte und ließ es dann sein. „Danke, Paul. Du hast uns allen geholfen. Ohne dich wären wir wohl nicht rechtzeitig raus.“
„Es riecht noch immer“, presste Paul hervor. „Wie… wie warmes Metall, Bitterkeit von Kunststoff, ein Hauch Pfeffer. Und darunter etwas ganz Kleines, Gefährliches. Ich kann es weder beschreiben noch wegschieben. Es sitzt in jeder Zelle meines Körpers.“
„Es ist vorbei“, sagte Herr Hunter leise. „Die Feuerwehr kümmert sich. Dein Körper braucht einen Moment, bis die inneren Alarmglocken wieder leiser werden.“
Moïra spürte, wie sich etwas in ihr bewegte. Sie kannte dieses Gefühl – wenn Kopf und Sinne so viel liefern, dass alles zu laut wird. Wenn sie hundert Fragen hat und die Lehrerin nur eine will. Wenn alle sagen: ‘Stell dich nicht so an’, obwohl es nicht Anstellen ist, sondern einfach: so sein.
Mamma hatte ihr mal erklärt, was sie machen könnte, wenn alles zu viel wurde. Sie nannte es ‘erden’. Sie hörte die Stimme ihrer Mutter im Kopf: ‘Stell die Füße fest auf, drück die Zehen in den Boden, zähle 5 Dinge, die du siehst – 4, die du fühlst – 3, die du hörst – 2, die du riechst – 1, das du schmeckst.’ Nein, das wäre wohl jetzt gerade zu viel des Guten für Paul. Aber Mamma hatte auch gesagt, dass der Mund auch mithelfen könne: Ein Stück Pfefferminz-Kaugummi, an einer Wasserflasche trinken oder an einem Strohhalm langsam ziehen. Und einen Pfefferminz-Kaugummi hatte sie tatsächlich in ihrer Hosentasche. Ein bisschen zerknittert zwar, aber wenigstens ungebraucht.
Sie setzte sich eine Stufe unter Paul hin, nicht zu nah. „Hey“, sagte sie vorsichtig. „Wie hast du das so schnell gemerkt?“
Paul zuckte mit den Schultern, die Stimme heiser. „Es war zuerst wie ein falscher Ton in meinem Kopf. Dann plötzlich ganz klar. Ich kann nichts dafür. Wenn der Geruch kommt, ist er überall.“
„Das klingt anstrengend.“
Er blickte sie kurz an, überrascht, ohne seinen üblichen Spott. „Ist es. Manchmal bekomme ich Kopfschmerzen. In der Mensa muss ich oft raus. Und alle denken, ich spiele nur den Clown.“
Moïra nickte. „Ich kenne das… also anders. Wenn ich zu viel denke, ist es auch zu laut in mir. Dann sagen sie, ich sei kompliziert.“ Sie lächelte schief. „Vielleicht sind wir einfach… empfindlich gut in Dingen.“
Paul ließ das Taschentuch sinken. Ein winziges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Empfindlich gut. Geht das als Kompliment durch?“
„Bestimmt.“ Moïra zeigte auf die Halle. „Heute war es sehr gut.“
Aus der geöffneten Tür kam ein Feuerwehrmann in voller Montur. „Alles unter Kontrolle. Kabel im Geräteraum. Wer immer auch Alarm gegeben hat, hat richtig gehandelt. Das hätte sich schnell zum Vollbrand entwickeln können.“ Herr Hunter nickte in Pauls Richtung, sagte aber nichts weiter. Kein großes Tamtam, nur ein kurzer, respektvoller Blick.
Vom Schultor her eilten Eltern heran: Mäntel über dem Pyjama, Turnschuhe ohne Socken, Handys noch in der Hand.
„Ist alles gut?“
„Wo ist meine Mara?“
„Sind alle draußen?“
Eine Lehrperson bat sie, hinter der Absperrung zu bleiben. „Alle Kinder sind in Sicherheit. Niemand ist verletzt.“ Das Stimmengewirr schwoll kurz an und wurde dann leiser, wie Wellen, die zurückgehen. Die Blicke der Eltern tasteten den Pausenplatz ab, huschten über Gruppen von Kindern, blieben jedoch auf Abstand. Pauls Schultern spannten sich für einen Moment und sanken dann, als die Fragen verstummten. Moïra merkte, wie die Aufregung der Erwachsenen die Luft auf dem Platz noch einmal dicker machte – und wie sie langsam wieder dünner wurde.
Die Jungs von vorhin standen wieder am Rand. Keiner lachte mehr. Einer hob sogar kurz den Daumen. Allen war klar, wie knapp sie an der Katastrophe vorbeigeschrammt waren. Paul presste die Lippen zusammen, als wüsste er nicht, wohin mit diesem Moment.
Moïra erhob sich, wie man eine Lampe höher dreht, und fischte einen reichlich ramponierten Kaugummi aus ihrer Hosentasche. „Pfferminze? Sie legt Watte um die Geräusche.“
„Ja.“ Paul kaute, der Blick wurde klarer. „Danke… und wegen neulich.“
„Schon gut.“ Sie lächelte. „Vielleicht schwimmen wir im gleichen Wasser.“
„Hä?“
„Lass gut sein.“ Sie neigte den Kopf. „Vielleicht sind wir Spiegel statt Gegner.“
Frau Honeysuckle erschien an der Schulhaustüre: „5a, alle bitte mal zu mir!“ Die Kinder sahen einander an und setzten sich widerwillig in Bewegung. „Was will denn die jetzt noch?“, murrte Kassandra. „Nach diesem Schreck will ich erst mal eine Runde hier auf dem Schulhof chillen. Und chillen ist gerade das einzige englische Wort, das mir in den Sinn kommt. Alles andere ist weg.“ „Und Theater hatten wir heute schon genug, da brauch ich sicher keinen Theaterkurs“, ergänzte Mara.
„Meine liebe 5a, ich weiß ja, was für einen unglaublichen Schreck ihr alle erlebt habt. Und ohne Paul… wer weiß, was geschehen wäre. Er ist ein richtiger Hero, äh, Held natürlich.“ Paul senkte den Kopf und wartete darauf, dass die Lehrerin weitersprach. Eigentlich wollte er nur weg. Weg aus dieser Meute, weg vor allem auch von diesem bestialischen Gestank, der ihm gefühlt immer noch die Nasenschleimhäute verätzte. Er musste nachdenken. Über das, was passiert war. Über das, was Moïra gesagt hatte. Von wegen gleichem Wasser und Spiegel statt Gegner.
Frau Honeysuckle war eine feinfühlige Lehrerin, die sofort spürte, dass sie die vorbereitete Lektion des Theaterkurses fallen lassen musste, weil die Klasse jetzt einfach Raum brauchte, das Geschehene zu verarbeiten. Sie ließ die Kinder wählen, was sie gerade machen wollten. Die einen setzten sich in Grüppchen zusammen und redeten über das Unglück, andere zeichneten und kritzelten vor sich hin, andere wiederum hatten ihre Kopfhörer übergestülpt und hörten Musik.
Als sie heimgingen, fiel Aria neben Moïra ein. „Es hat gar niemand etwas dazu gesagt, dass wir… du weißt schon.“
Moïra schüttelte den Kopf. „Egal. Das kommt vielleicht später. Mich beschäftigt, wie man mit einer Supernase lebt. Dazu will ich mehr wissen.“
Und während hinter ihnen die Feuerwehrleute zusammenpackten, wusste Moïra: Sie hatte in Paul etwas gesehen, das sie von sich kennt – eine Gabe, die zugleich leuchtet und sticht. Genau so beginnt etwas Neues.
—.
XVII Das Heft dazwischen
Die Stimmen der anderen Kinder waren längst verklungen. Paul wartete, bis der Schulhof leer war. Für ihn war sowieso niemand gekommen. Hinter der Hecke hatte er gewartet, bis der letzte Feuerwehrmann heimgegangen war. Alle Lehrpersonen mussten sich auf Geheiß des Rektors noch zu einer außerordentlichen Konferenz treffen, bei der das Geschehene rekapituliert und besprochen werden sollte. Bestimmt würde sich daraus ein neues Merkblatt ergeben, das dann wieder in den Klassenräumen aufgehängt werden müsste.
Nur der Wind bewegte noch ein paar trockene Blätter über den Asphalt. Sie kratzten leise, als suchten sie selbst einen Weg hinaus. Paul stand neben dem Veloständer und starrte auf den grauen Container. Den ganzen Nachmittag über hatte er versucht, nicht daran zu denken. Hatte mit Bruno Fußball gespielt, hatte gelacht, hatte laut gesprochen. Zu laut. Doch Moïras Rosenduft war geblieben, hatte sich mit dem Geruch des Schwelbrandes vermischt. Nicht stark, aber hartnäckig. Als hätte er sich irgendwo festgesetzt, wo man ihn nicht einfach abschütteln konnte.
Paul trat näher. Der Container sah aus wie immer. Grau. Gleichgültig. Verschlossen. So, als wäre nichts geschehen. Er legte seine vom Schweiß feuchte Hand auf den Deckel. Das Metall war kühl.
Für einen Moment zog er die Hand wieder zurück. Sein Verstand wusste nicht, wonach er suchte. Oder warum er überhaupt hier war. „Was mache ich hier? Was will ich eigentlich finden?“ Er sah sich um. Niemand war da. Langsam hob er den Deckel an. Sein klopfendes Herz übernahm die Führung, so wie es das heute in der Turnhalle getan hatte – und vorher schon sehr lange nicht.
Der Geruch traf ihn sofort. Abfalltrennung hätte anders gerochen. Hier Papier, da Brotreste. Der säuerliche Duft von Früchten. Und darunter etwas anderes. Rose. „Warum ist das so wichtig für mich? Sollte ich nicht einfach weitergehen?“
Paul beugte sich vor. Zwischen zerknüllten Arbeitsblättern und einer leeren Himbeerjoghurtverpackung lag das Heft. Das Papier mit den kleinen Musiknoten war noch zu erkennen. Er blieb reglos stehen. Er hatte erwartet, dass es anders aussehen würde. Schmutziger und fremder. Doch es war noch immer ihr Heft.
„Das Heft. Es gehört zu ihr. Es ist ein Teil von Moïra. Warum fühle ich mich so zu ihr hingezogen?“ Paul griff danach. Seine Finger zögerten einen Moment, bevor sie das Papier berührten. Dann zog er es vorsichtig heraus. Ein paar Seiten waren geknickt. Am Rand klebte ein dunkler Fleck. Aber die Schrift war noch da. Ruhig. Gleichmäßig. So, als hätte nichts sie erschüttern können.
Paul schlug das Heft nicht auf. Er hielt es einfach nur fest. Und zum ersten Mal an diesem verrückten Tag wurde es in ihm ein wenig still. „Vielleicht sehe ich die Dinge einfach anders. Vielleicht ist es an der Zeit, mich zu ändern.“ Er schloss den Deckel und ging.
Sein Heimweg kam ihm länger vor als sonst. Die Häuser standen da wie immer. Die gleichen Gärten. Die gleichen Fenster. Und doch war etwas anders. Er trug es in seiner Hand. Seine Gedanken rasten. „Was mache ich jetzt mit dem Heft? War das nicht eine dumme Idee? Wieso habe ich es aus dem stinkenden Container überhaupt herausgefischt?“
Vor dem kleinsten Haus der ganzen Strasse blieb er stehen. Alles still. Maman war natürlich noch am Arbeiten. Die hatte von der ganzen Aufregung wahrscheinlich gar nichts mitbekommen. Einen Moment lang stellte Paul sich vor, wie es wohl bei Moïra daheim aussehen würde. Bestimmt war jemand da, der sich auf sie freuen würde und mit dem sie den Tag besprechen konnte. „Warum kann ich nicht einfach mit jemandem reden? Warum fühle ich mich so allein?“ Paul schluckte den dicken Kloss in seinem Hals weg und sah sich suchend um.
Er hätte das Heft im Keller verstecken können. Oder draußen unter den Busch legen. Niemand hätte es gesehen. Doch er tat es nicht. Wozu auch? Seine Maman hatte gar keine Zeit, neugierig zu sein. Sie war froh, wenn sich die Schule nicht über Paul beschwerte und keine unvorhergesehenen Rechnungen im Briefkasten lagen.
Paul kramte den Schlüssel hervor und ging hinein, die Treppe hinauf, in sein Zimmer, und legte das Heft auf seinen Schreibtisch. Nun lag es dort, als hätte es schon immer dort gelegen. „Was ist mit mir passiert? Warum fühle ich, dass ich anders sein will, als ich es bisher war?“
Paul setzte sich auf sein Bett und überlegte. „Soll ich das Heft zurückgeben? Und wenn ja, wie?“ Paul stand wieder auf. Langsam ging er zum Schreibtisch und schlug es auf. Die Seiten raschelten leise. Moïras Schrift war sofort da. Klar. Ordentlich. Jeder Buchstabe stand ruhig neben dem anderen, als hätte er seinen festen Platz.
Paul blieb vor dieser Seite stehen. Zwischen den Zeilen hatte sie etwas hinzugefügt. Kleiner geschrieben als der Rest. Fast so, als wäre es nur für sie bestimmt gewesen. „Manchmal sehen andere nicht, was ich sehe. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht da ist.“
Paul las den Satz noch einmal. In seinem Zimmer war es still. Der Satz, den Moïra da geschrieben hatte, konnte genauso gut fürs Riechen gelten. Auch wenn es die anderen nicht gerochen hatten – der Geruch war dagewesen. „Vielleicht geht es nicht nur um den Geruch. Vielleicht geht es darum, wie wir die Welt sehen.“
Er dachte an den Schulhof. An ihr Gesicht, an ihre Stimme. Er schloss das Heft vorsichtig. Seine Hand blieb noch einen Moment darauf liegen. Und zum ersten Mal fragte er sich, wie es sein musste, Moïra zu sein. „Vielleicht kann ich lernen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Und vielleicht kann ich auch ein Teil davon sein.“

