I               Ankommen

„Mama!“, rannte Moïra atemlos die Treppe zum Büro ihrer Mutter hoch, während die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.

„Cos’è successo, cara? Was ist passiert, Liebes?“ fragte ihre Mutter, aufblickend von ihrem Computer.

„Mama, es nervt, wenn du hier Italienisch mit mir sprichst. Wir sind schon fast zwei Monate hier in Birkenburg!“

„Entschuldige, Liebes. Ich bin so in meine Arbeit vertieft, dass ich manchmal vergesse, wo ich bin. Also, was ist passiert? Erzähl mir!“

„Ach Mama, nichts ist passiert. Ich hab einfach Hunger! Und ich habe schon unten gerochen, dass nichts fürs Mittagessen gekocht ist. Andere Mütter schaffen das doch auch!“, schimpfte Moïra und stampfte genervt mit dem Fuß.

Seufzend stand Giulia Micheloni vom Computer auf. „Du hast recht, Moïra. Ich weiß, ich bin eine seltsame Mutter. Aber wenn ich arbeite, vergesse ich alles um mich herum. Das ist bei dir doch auch so, wenn du Querflöte spielst oder in ein Buch vertieft bist.“

„Gut, dass du das Atmen nicht vergisst“, grinste Moïra, während ihr Magen knurrte.

Im kleinen Vorratsraum stapelten sich zahlreiche Gläser in leuchtendem Rot. Es waren Gläser voller Sugo aus sonnengereiften Tomaten, die Moïras Nonno für seine Liebsten vorgekocht hatte. „So nehmt ihr wenigstens die Wärme von bella Italia mit“, hatte er mit einem traurigen Lächeln gesagt, als der Umzugswagen ihre Sachen geschluckt hatte. „Aber Nonno, so schlimm kann es in Birkenburg gar nicht sein. Die Sonne scheint doch für alle“, hatte Moïra gelacht.

„Vedrai. Wirst schon sehen“, hatte der Nonno achselzuckend gemeint und sie fest an sich gedrückt.

Jetzt, während sie den Teller mit dampfender Pasta vor sich sah, wusste Moïra, dass er recht hatte. Obwohl die gleiche Sonne am Himmel schien, war ihr Licht blasser und die Wärme weniger intensiv. Hier schien die Sonne zwar auch, aber die Menschen hatten nicht diese innere Wärme, die die Bewohner ihres Dorfes im Süden ausstrahlten.

Bald standen zwei Teller mit dampfender Pasta vor ihnen. Mamma Giulia hatte die Rigatoni mit Nonnos Tomatensugo und Oliven angerichtet, darüber reichlich Parmesan und ein paar Blättchen Basilikum gestreut. „Sieht aus wie die italienische Flagge, nicht wahr?“, meinte sie munter und stupste Moïra an. Doch Moïra starrte nur auf ihren Teller und stocherte mit der Gabel in dem rot-weiß-grünen Essen herum.

„He, Moïra, was ist los? Du isst doch sonst nie so wenig. Ist etwas schiefgegangen?“, fragte Mamma besorgt. Moïra senkte den Kopf noch ein bisschen tiefer über die Pasta und schwieg. Sie roch die leckere Sauce und den Duft des Basilikums und schluckte schwer.

„Komm her, meine Kleine“, schmeichelte Mamma Giulia, schob ihren eigenen Teller weg und zog ihre Tochter zu sich. „Erzähl mir, was bedrückt dich?“

Moïra setzte sich auf ihren Schoss und schmiegte sich zögernd an die Schulter ihrer Mamma. Sie atmete den vertrauten Duft ein: nach Geborgenheit und den ätherischen Ölen, die Mamma von Giovanna, ihrer Schwester, mitgebracht hatte. Moïra spürte die warme Hand ihrer Mutter auf ihrem Rücken, die sie sanft und beruhigend streichelte.

Plötzlich stiegen Moïra Tränen in die Augen. „Ach Mamma, in der Schule sagen sie, ich sei eine Streberin. Niemand will mit mir in der Pause spielen, und wenn ich frage, ob jemand am Nachmittag zu uns kommen möchte, haben alle immer schon etwas vor. Sie lachen mich aus, weil ich mich nicht für Taylor Swift interessiere, und finden es komisch, dass ich Bücher über Jane Goodall und ihre Projekte zur Orang-Utan-Rettung lese. Sie finden mich merkwürdig und nennen mich Frau Einstein.“ Immer schneller erzählte Moïra, wie fremd sie sich in der Schule vorkam und dass es unmöglich sei, schöne Gespräche zu führen, obwohl sie die Sprache ihrer Mitschüler sprach.

Und dann war da noch Paul, der ihr, wenn sie durchs Klassenzimmer ging, heimlich den Fuß stellte, ihre Blätter verschmierte und mit Sofia immer hinter ihrem Rücken tuschelte.

Irgendwann versiegte Moïras Redefluss und ihre Tränen. Mamma hielt sie fest und streichelte sanft ihren Rücken.

„Oh mein Liebes“, flüsterte sie in ihr Haar. „Es tut mir so leid. Wir haben schon vermutet, dass der Anfang eine Herausforderung sein könnte. Aber dass es für dich so schmerzhaft sein würde, macht mich auch traurig. Lass uns überlegen, was wir tun können, damit dein Herz wieder leichter wird.“

Mit rotgeweinten Augen sah Moïra ihre Mamma an. „Ach Mamma, ich wollte mich doch auch freuen, ein neues Land kennenzulernen. Schliesslich bist du hier aufgewachsen, und darum ist es auch irgendwie mein Land. Aber ich vermisse meine Freundinnen in Italien und Professore Veroli, mit dem ich musiziert habe. Wenn ich hier frage, ob jemand ein Instrument spielt, schauen sie mich an, als käme ich von einem anderen Stern.“ Mamma nickte ernst. „Wir müssen unbedingt eine Idee entwickeln, wie es dir hier besser gehen könnte.“

II Von Viren und Amaretti

Im Institut von Graustar & Dekubitus herrschte an diesem Morgen eine Anspannung, die man riechen konnte – scharf wie verbrannter Kaffee und bitter wie Enttäuschung.

„Verdammt und zugenäht!“, fluchte Herr Dekubitus und knallte einen Stapel Papiere auf seinen Schreibtisch. Der neue Impfstoff gegen die Vogelgrippe sollte sein Meisterstück werden. Stattdessen war er ein Albtraum.

Im Labor nebenan stand Mattia Micheloni vor seinen Reagenzgläsern und hörte durch die dünne Wand jeden Fluch seines Chefs. Die Versuche an Tieren waren perfekt verlaufen. Bei Menschen jedoch… das war eine ganz andere Geschichte.

„Die haben alle den Verstand verloren“, brummte Dr. Weber, ein älterer Kollege, und schob Mattia eine Akte rüber. „Schwindel, Übelkeit – das wäre ja noch zu verkraften. Aber das hier…“

Mattia las und wurde blass. Kontrollverlust. Panikattacken. Ein Testpatient hatte versucht, sein Auto anzuzünden, weil er plötzlich sicher war, es sei von Aliens übernommen worden.

„Und der Bauer aus Thüringen“, fügte Weber hinzu, „der wollte seinen Hühnerstall abfackeln. Seine kranke Frau musste ihn körperlich daran hindern.“

In diesem Moment platzte Dekubitus ins Labor. „Sie müssen die Formel verändern, Signor Micheloni!“, schrie er, sein Gesicht rot vor Wut.

Die Mitarbeiter in den weißen Kitteln hielten inne und starrten. Mattia blieb äußerlich ruhig, innerlich kochte er. Dekubitus verstand von Chemie etwa so viel wie ein Huhn vom Fliegen.

„Die Sache ist komplizierter“, sagte Mattia bedächtig.

„Kompliziert?“ Dekubitus‘ Stimme wurde noch schriller. „Wissen Sie, was kompliziert ist? Unseren Investoren zu erklären, warum wir keine Ergebnisse liefern!“

Er trat näher an Mattia heran. „Sie haben zwei Monate Zeit gehabt. Zwei Monate! Und was haben wir? Einen Impfstoff, der die Menschen in Irre verwandelt!“

Mattia wandte sich demonstrativ seinen Reagenzgläsern zu. In einem davon schimmerte eine rosa Flüssigkeit – sein heimliches Projekt. Daran arbeitete er, wenn Dekubitus nicht da war.

„Ich habe Ideen“, sagte er leise. „Aber dafür brauche ich freie Hand.“

Dekubitus lachte bitter. „Freie Hand? Sie setzen die Arbeit Ihres Vorgängers fort. Punkt. Dr. Kellermann war ein Genie.“

„Dr. Kellermann ist tot“, entgegnete Mattia ruhiger, als er sich fühlte.

„Ja, sehr plötzlich“, murmelte Dekubitus und sein Tonfall veränderte sich. Wurde leiser. Gefährlicher. „Herzinfarkt. Mitten in der Nacht. Ausgerechnet, als er kurz vor dem Durchbruch stand.“

Er trat noch näher. „Wissen Sie, Micheloni, manchmal denke ich, das Schicksal hat uns einen Streich gespielt. Kellermann nimmt all sein Wissen mit ins Grab. Und wir stehen da wie begossene Pudel.“

Mattia sah ihn direkt an. „Oder das Schicksal gibt uns eine Chance, es besser zu machen.“

Dekubitus‘ Augen verengten sich. „Besser? Sie meinen, Sie könnten es besser als Kellermann?“

„Ich meine, ich könnte es anders machen.“

Ein langes Schweigen entstand. Dekubitus musterte Mattia, als würde er ihn zum ersten Mal wirklich sehen.

„Anders“, wiederholte er langsam. „Interessant.“

Er drehte sich abrupt um. „Sie haben noch eine Woche. Dann will ich Ergebnisse sehen. Echte Ergebnisse.“

Als er weg war, atmete das ganze Labor auf.

„Der wird dich fertigmachen“, warnte Weber leise.

„Das weiß ich“, antwortete Mattia und betrachtete seine rosa Flüssigkeit. „Aber vielleicht mache ich ihn vorher fertig.“

 

Amaretti

Am nächsten Morgen schien die Sonne, als hätte sie sich vorgenommen, alle schlechten Gedanken zu vertreiben. Moïra lief beschwingt zur Schule, die kostbare Keksdose in den Händen.

Die Dose war wunderschön – auf dem Deckel prangte eine Ansicht von Venedig in all ihrer Pracht. Ein Abschiedsgeschenk der Nonna, gefüllt mit selbstgebackenen Amaretti.

„Vielleicht ist das meine Chance“, dachte Moïra. „Essen verbindet Menschen. Das hatte Nonna immer gesagt.“

Paul und Sofia standen bereits mit anderen Kindern zusammen und tuschelten. Moïra holte tief Luft und ging auf sie zu.

„Ciao“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Ich habe gestern Amaretti gebacken. Mit Mama. Nach Nonnas Rezept.“

Sie öffnete die Dose, und sofort stieg der unwiderstehliche Duft auf – süß, nach Mandeln und Kindheitserinnerungen.

Paul schnupperte unwillkürlich. Sein Gesicht hellte sich für einen Moment auf, bevor er sich wieder fing.

„Meine Mutter hat gesagt, ich darf nichts von Fremden annehmen“, krähte er dann laut genug, dass es alle hörten.

Moïra spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. „Ich bin doch nicht fremd“, murmelte sie. „Wir sind in derselben Klasse.“

„Macht dich das weniger fremd?“, mischte sich Sofia ein. „Du bist immer noch die Italienerin.“

Die anderen Kinder grinsten. Nur Sascha starrte sehnsüchtig auf die Amaretti.

„Also… ich würde schon probieren“, sagte er schließlich. „Aber nur, wenn du mir deine Mathe-Aufgaben abschreiben lässt.“

Moïra klappte die Dose zu. „Die mache ich selbst“, sagte sie leise und ging weg.

Hinter ihr hörte sie Paul zu den anderen sagen: „War ja klar. Denkt, sie ist was Besseres.“

Aber seine Stimme klang anders als sonst. Nicht triumphierend. Eher… unzufrieden.

Rom und Stille

In der Geschichtsstunde war es, als würde die Zeit stillstehen. Frau Käsebier fragte nach der Gründung Roms, und obwohl Moïra die Antwort kannte, schwieg sie.

„Niemand?“, fragte die Lehrerin und ließ den Blick durch die Klasse wandern. „Wirklich niemand?“

Die Stille war so dick, dass man sie hätte schneiden können. Verstohlene Blicke gingen zu Moïra, aber niemand sagte etwas.

Frau Käsebier seufzte und kam zu Moïras Platz. „So, auch du hast keine Ahnung, wie Rom entstanden ist?“

Moïra rutschte tiefer in ihren Stuhl. In ihrem Kopf war die ganze Geschichte – Romulus und Remus, die Wölfin, die Gründung der ewigen Stadt. Nonno hatte sie so lebendig erzählt, als wäre er dabei gewesen.

Aber sie schwieg.

„Schade“, sagte Frau Käsebier und ihre Stimme klang enttäuscht. „Dann müsst ihr alle bis morgen recherchieren. Mythen und Fakten über Rom. Fünf Sätze. Und keine KI!“

Ein kollektives Stöhnen ging durch die Klasse.

„Das Käsebrötchen will uns nur ärgern“, raunte Paul zu Sascha.

Im Lehrerzimmer seufzte Frau Käsebier tief, als sie sich zu ihrer Kollegin setzte.

„Amy, ich verzweifle an Moïra Micheloni“, gestand sie und umklammerte ihre Kaffeetasse mit dem Aufdruck „Beste Lehrerin ever“.

„The Italian girl?“, fragte Amy Honeysuckle. „But she’s brilliant. Her English essays are flawless.“

„Eben! Deshalb verstehe ich nicht, warum sie in meinem Unterricht stumm wie ein Fisch ist. Am Anfang hat sie mitgemacht, aber jetzt…“ Sie gestikulierte hilflos. „Es ist, als hätte sie beschlossen, unsichtbar zu werden.“

Amy nickte nachdenklich. „Maybe she’s afraid.“

„Wovor?“

„Of being different.“

Frau Käsebier dachte nach. Dann lächelte sie langsam. „Vielleicht hast du recht. Und vielleicht weiß ich jetzt, was zu tun ist.“