Diesen längst überfälligen Blog-Artikel sverfasse ich im Rahmen der Blogparade meiner Fachkollegin Susanne Burzel, die dazu aufruft, über Lehrpersonen, die einen ermutigt haben, zu schreiben.
Dazu darf ich vermerken, dass ich vom Kindergarten bis zur 6. Klasse (in der Schweiz dauert ja die Primarschule sechs Jahre, „erst“ nachher wird nach Schultypen getrennt) alles grandiose Lehrpersonen geniessen durfte. Sie alle waren verschieden, aber allen war gemeinsam, dass sie uns viel Raum für Entfaltungsmöglichkeiten gegeben haben. Ist es Zufall, dass aus unserer Klasse so viele Lehrkräfte hervorgingen?
Prägende Jahre
Die Lehrperson, von der ich erzählen möchte, ist Otto Schmid, mein 5./6. Klass-Lehrer. Mittlerweile 87, erinnert er sich noch gut an unsere gemeinsame Zeit und weiss einige Anektoten zu erzählen. Witzigerweise ist auch er von Horw nach Rothenburg gezogen.
Es gibt Lehrer, die vermitteln Stoff. Und es gibt Lehrer, die verändern Leben. Ich hatte das grosse Glück, in der 5. und 6. Klasse im Biregg-Schulhaus einen solchen Lehrer zu haben: Herrn Otto Schmid.
Didaktischer Pionier
Lange bevor Begriffe wie selbstgesteuertes Lernen, Projektunterricht oder Future Skills überhaupt existierten, lebte er sie bereits. Otto Schmid war Mit-Initiant des Projekts SONO – Schule ohne Not(en) und stellte damit vieles infrage, was damals als selbstverständlich galt.
Bei ihm bestand Schule nicht aus Arbeitsblättern und Auswendiglernen. Als Gründer des Lehrercabaretts Horw liess er uns jeweils seine Theaterstücke probehalber durchspielen Wir spielten jedoch nicht nur Theater, wir schrieben und komponierten auch eigene Lieder dazu. Kein Anlass im Schuljahr, zu dem wir nicht ein Lied, heute wäre es „einen Song“ beisteuerten. Dies ist etwas, was mich mein ganzes weiteres Leben begleitet hat: Ich bin nebenberuflich eine ganze Weile Singer/Songwriterin gewesen.
Wir beschäftigten uns mit Astronomie und berechneten anhand der Gestirnsstände die Sternbilder und sogar unsere Horoskope – nicht, weil wir Astrologie lernen sollten, sondern weil Mathematik, Geometrie, Geschichte und Neugier plötzlich miteinander verbunden waren. Ich erinnere mich an die dicken, blauen Wälzer, die unser Lehrer eines Tages anschleppte: Ephemeridenbücher, mit deinen wir die genauen Gestirnsstände zum Zeitpunkt unserer Geburt ausrechnen konnten und diese in ein Chart übertragen durften. Heute übernimmt das der Computer mit wenigen Klicks. Aber damals waren wir für ein paar Stunden gut ausgelastet und konnten uns wunder, warum einige Planeten so langsam unterweg waren oder sogar rückläufig.
In seinem Unterricht durften wir Fragen stellen. Experimentieren. Fehler machen. Ideen verfolgen. Ich erinnere mich an den mehrere Meter langen Schriftzug über den Fenstern: „Der Schüler hat ein Recht auf Fähler!“. Gendern war damals noch nicht und trotzdem wurden in seinem Unterricht weder Mädchen noch Jungs bevorzugt.
Futuristische Unterrichtsformen im Jahr 1977
Was wir damals erlebten, würde man heute projektorientierten, kreativen und fächerübergreifenden Unterricht nennen. Für uns war es einfach Schule – eine, in der Lernen Spass machte. Es war Unterricht, bei dem ich das Gefühl hatte, dass Denken etwas Wertvolles und Spannendes sei
Otto Schmid erkannte etwas in mir, das ich selbst noch gar nicht sehen konnte. Er mochte schon damals meine Texte, vervielfältigte sie per Schnaps-Matrize und zeigte sie den Lehramtsanwärtern, die bei uns regelmässig auf Besuch kam, weil er meine Schreibe aussergewöhnlich fand.
Er war auch derjenige, der eines Abends in Begleitung des Rektors bei uns Zuhause auftauchte und mich und meine Eltern davon zu überzeugen versuchte, dass ich doch „um Himmelswillen ins Gymnasium wechseln sollte“, weil ich offenbar die beste Übertrittsprüfung der ganzen Gemeinde abgeliefert hatte. Aber ich wollte nicht. Meine Freundinnen gingen auch nicht. Nur zwei Jungs, mit denen ich nicht viel zu tun hatte. Heute würde ich sagen „soziale Anpassung“ und ja, „Minderleisterin“. Aufdrehen war erst später.
Aber für ihren Einsatz werde ich den beiden Herren immer dankbar sein, den sie haben das Potenzial in mir erkannt.
Ironischerweise wurden die Jahre danach für mich persönlich zu einer Katastrophe. Das Schulsystem (und vor allem der Klassenlehrer!) nach Herrn Schmid, waren das genaue Gegenteil dessen, was ich zuvor erlebt hatte. Plötzlich zählten Anpassung, Reproduktion und Konformität mehr als Kreativität und eigenständiges Denken.
Wegweisend für ein ganzes Leben
Vielleicht war gerade dieser Kontrast einer der Gründe, weshalb ich heute tue, was ich tue: Ich begleite hochbegabte Kinder und ihre Familien. Ich setze mich für eine Schule ein, die Potenziale erkennt, statt Defizite zu suchen. Ich spreche über Kreativität, Begabungsförderung und schulische Passung.
Und immer wieder denke ich dabei an Herrn Schmid, denn er hat mir gezeigt, dass Schule mehr sein kann als Noten, dass Kinder mehr brauchen als Stoff und dass ein einziger Lehrer den Verlauf eines Lebens verändern kann.
Zudem habe ich spät, aber nicht zu spät, wieder angefangen zu schreiben. Meine Bücher „Hochbegabt und jetzt? Ein Eltern-Navi zwischen Wunder und Wahnsinn“ und „Hochbegabte Kinder professionell begleiten. Unterrichten zwischen Turbo-Hirnen und Topbsuchtsanfällen“ waren ein wundervoller Anfang. Aber ich verspreche euch heute schon: Da kommt noch mehr!
Lehrpersonen wie Otto Schmid hinterlassen mehr als Noten in Zeugnissen – sie hinterlassen Spuren. Und manchmal werden genau diese Spuren Jahrzehnte später zum Fundament eines ganzen Berufslebens.
Danke, lieber Otti!

