Warum manche Kinder sich jeder Anforderung entziehen – und was das mit Hochbegabung zu tun haben kann
Kennst du das? Ein Kind, das unglaublich kreativ, schlagfertig und intelligent ist – aber wenn es darum geht, auch nur die kleinste Bitte oder Anweisung zu befolgen, entsteht ein Machtkampf? Vielleicht hast du ein Schulkind, das exzellent diskutieren kann, aber einfach nicht in die Schuhe schlüpfen möchte? Oder ein hochbegabtes Kind, das sich in ein fantasievolles Rollenspiel flüchtet, statt die Hausaufgaben zu machen? Wenn sich Alltagssituationen ständig wie ein strategisches Schachspiel anfühlen, dann könnte Pathological Demand Avoidance (PDA) eine Erklärung sein.
In diesem Artikel erfährst du, was PDA ist, warum es so herausfordernd sein kann – und warum es besonders in Kombination mit Hochbegabung oft falsch verstanden wird.
Was ist PDA?
Pathological Demand Avoidance (PDA) ist eine relativ neu „entdeckte“ Ausprägung von Autismus, die durch eine extreme Vermeidung von Anforderungen geprägt ist. Dieses „pathologische Vermeiden von Anforderungen des Alltages“ als „Verhaltensstörung“ ist im DACH-Raum relativ unbekannt. Dabei geht es nicht nur um klassische „Widerwilligkeit“, sondern um ein tiefgehendes psychologisches Bedürfnis, jegliche Kontrolle über das eigene Handeln zu behalten. Es unterscheidet sich damit deutlich von der herkömmlichen Prokrastination, also der „Aufschieberitis“.
Typische Merkmale von PDA
- Das Kind meidet Anforderungen systematisch – egal ob es sich um Hausaufgaben, Alltagsaufgaben oder Freizeitaktivitäten handelt.
- Die Vermeidung ist oft kreativ: Diskussionen, Ablenkungsmanöver, Rollenspiele oder scheinbare Zustimmung, gefolgt von passivem Widerstand.
- Plötzliche intensive Gefühlsausbrüche, wenn der Druck zu gross wird.
- Soziale Anpassungsfähigkeit, die oft täuscht: PDA-Kinder wirken in manchen Situationen sozial versiert, aber das dient oft nur dazu, Kontrolle zu behalten. Man nennt dies auch „Maskieren“.
- Hohe Sensitivität gegenüber Autorität und Erwartungen anderer.
Was PDA von anderen Autismusformen unterscheidet, ist die fast strategische Art der Vermeidung. Während klassische Autist:innen oft rigide Routinen haben, um Sicherheit zu gewinnen, kämpfen PDA-Kinder gegen äusseren Druck, um selbst die Kontrolle zu behalten. Diese Kontrolle ist für sie (und ihr Nervensystem) von existenzieller Bedeutung. Gelingt dies nicht, folgt ein Zusammenbruch, neudeutsch „Meltdown“, der gravierende, langandauernde Folgen haben kann.
PDA und Hochbegabung: Eine explosive Mischung?
Viele hochbegabte Kinder stellen ohnehin gerne Regeln infrage, sind kritische Denker:innen und haben eine geringe Frustrationstoleranz gegenüber unfair empfundenen Regeln. Doch was passiert, wenn Hochbegabung auf PDA trifft? Dann kann die klassische Vorstellung des „kooperativen Musterschülers“ schnell ins Wanken geraten. By the way: Diesen gibt es eh nur ganz selten.
Warum Kinder mit PDA und Hochbegabung oft nicht erkannt werden
Es gibt zwei Arten von PDA-Menschen: hoch- und höchstbegabte sowie durchschnittlich begabte. Die unten aufgezählten Merkmale sind alles Folgen der hohen Intelligenz, die quasi das Nervenkostüm der PDA-ler schützen will und sie laufen total unwillkürlich ab. Es ist also nicht so, dass das Kind diese Verhaltensweisen geplant einsetzt!
- Sie wirken „zu clever“, um autistisch zu sein: Weil sie oft wortgewandt, charmant und kreativ sind, wird PDA häufig übersehen.
- Ihr Widerstand wird als Trotz oder Manipulation missverstanden: Erwachsene denken oft, das Kind „könne doch, wenn es wollte“ – und übersehen die dahinterliegende Angst oder Reizüberflutung.
- Sie entwickeln ausgeklügelte Strategien zur Vermeidung: Hochbegabte PDA-Kinder finden oft besonders raffinierte Wege, um Anweisungen zu umgehen, z. B. durch überzeugende Argumentationen oder humorvolle Ablenkung.
- Profis im „Maskieren“. Bereits junge Kinder zeigen vor allem ausserhalb der Familie enorm hohe Anpassungsleistungen. Dieses Maskieren läuft unbewusst ab und ist im Stammhirn angesiedelt. Darum sind auch schon ganz junge Kinder, ja sogar Babies!, dazu fähig.
Wie zeigt sich PDA bei Kindern mit Hochbegabung?
- Das Kind hat eine unglaubliche Fantasie und Erfindungsreichtum, um Anforderungen zu entkommen.
- Perfektionismus und Angst vor dem Scheitern können Vermeidungsverhalten verstärken.
- Diskussionen und Verhandlungen werden oft als Sport betrieben – nicht, um zu provozieren, sondern um Kontrolle zu behalten.
- Sie können sich plötzlich in komplette Starre oder Panik versetzen, wenn der Druck zu hoch wird.
Was können Eltern und Lehrpersonen tun?
Wenn du mit einem hochbegabten PDA-Kind zu tun hast, wirst du feststellen: Konventionelle Belohnungs- und Bestrafungssysteme funktionieren nicht. Strenge Regeln, Drohungen oder Strafen führen nur zu mehr Widerstand. Stattdessen helfen:
1. Indirekte Formulierungen nutzen
- Statt: „Zieh bitte deine Schuhe an!“
- Besser: „Ich frage mich, welche Schuhe du heute wählen wirst.“
2. Deklarative (erklärende) Sprache
- Statt: „Räum bitte dein Zimmer auf!“
- Besser: “ Puh, hier sieht es ziemlich chaotisch aus. Also ich könnte hier nicht gut arbeiten.“ (Beispiel von mark.my.thoughts)
2. Spielerische Elemente einführen
- PDA-Kinder lieben Rollenspiele. Wenn das Zähneputzen als „Mission für den Superagenten“ inszeniert wird, steigt die Kooperationsbereitschaft.
3. Entscheidungsfreiheit bieten
- „Möchtest du zuerst die Hausaufgaben machen oder zuerst 10 Minuten spielen?“
- „Willst du deine Jacke oder deinen Pullover anziehen?“
4. Stress reduzieren und Druck rausnehmen
- PDA-Kinder reagieren sensibel auf subtile Drucksignale. Ein „Jetzt musst du aber wirklich…“ wird mit grosser Wahrscheinlichkeit massiven Widerstand auslösen.
5. Empathie zeigen statt Machtkämpfe führen
- „Ich sehe, dass du gerade nicht kannst. Sollen wir eine kurze Pause machen?“
- „Das sieht schwierig für dich aus. Wie kann ich helfen?“
Fazit: Kontrolle, aber mit Feingefühl
Kinder mit PDA und Hochbegabung sind weder „ungehorsam“ noch „manipulativ“, sondern sie haben eine tiefe Angst vor Kontrollverlust. Je mehr sie das Gefühl haben, selbst Entscheidungen zu treffen, desto besser funktioniert der Alltag.
Für Eltern und Lehrpersonen bedeutet das: Flexibilität, Geduld und eine Prise Kreativität können Wunder wirken. Es lohnt sich, die Perspektive zu wechseln: Anstatt gegen den Widerstand zu kämpfen, kann man lernen, gemeinsam mit dem Kind Umwege zu finden. Denn letztendlich ist auch das ein Zeichen von Intelligenz: Probleme nicht frontal, sondern strategisch zu lösen. 😉



Mal abgesehen davon, dass es nach wie vor wahnsinnig schwierig ist, dass solche Kinder a) erkannt werden, und b) eine entsprechende Diagnose erhalten (Masking sei dank, erfolgt eine ASS-Diagnose oft erst spät oder nur wenn alles komplett schief läuft): Die notwendigen Rahmenbedingungen sind in den Regelklassen für solche Kinder meist nicht gegeben, und Schulvermeidung bei einer grossen Mehrheit gegeben.
Liebe Angela
Es sind viele Faktoren, die entschieden, ob es in der Regelklasse klappt… Aktuelle begleite ich bei uns im „Dorf“ ein solches Kind – alle Beteiligten leisten Gewaltiges und wir haben Glück – es funktioniert. Bis jetzt. Wir nehmen jeden Tag, wie er kommt. Etwas anderes bleibt uns nicht.
Herzliche Grüsse
Dina
Hallo 🙂
Kann es sein, dass das ablehnende Verhalten bei PDA nur im familiären Bereich gezeigt wird; dagegen im schulischen Alltag das „Masking“ unwahrscheinlich ausgeprägt praktiziert wird?
Viele Grüße
Susann
Absolut! Das ist absolut typisch. „Draussen Engel, drinnen Bengel“, wie früher so salopp gesagt wurde, passt absolut zu den PDA-Kindern…
Liebe Dina!
Danke für deinen Artikel über PDA und Hochbegabung!
Ich wünsche mir, dass alle Menschen mit der Wertschätzung und dem Feingefühl behandelt werden, wie du es für den Umgang mit hochbegabten Kindern mit PDA empfiehlst.
Es ist nicht gut, schon die Kleinsten zum Teil der Arbeitsgesellschaft zu machen. „Zieh die Schuhe an, du musst zu KiTa, ich muss zur Arbeit.“
Was ist da falsch oder schwierig?
Das Kind, dass wenigstens noch frei entscheiden will, welche Schuhe es anzieht oder dass wir Erwachsene unser „Muss des Arbeitsalltags“ unseren (geliebten!) Kindern aufzwingen?
Herzliche Grüße von Katrin
Liebe Katrin
Danke für den wertschätzenden Kommentar.
Ja, die Kindheit hat sich verändert, sowie die Gesellschaft als Ganzes überhaupt 🙃.
Ich will nicht alles verteufeln – die Art und Weise, wie wir jetzt hier kommunizieren, wäre in meinen Kindertagen unvorstellbar gewesen 🤷🏻♀️. Aber unser “Betriebssystem” braucht gerade in den Kinderjahren etwas anderes… Allerdingws ist PDA schon nochmals eine andere Hausnummer. Aber du hast recht, dass vielleicht diese Neurodivergenz in ein gemächlicheren Umfeld besser zu handeln ist.
Alles Liebe dir
Dina
Hallo,
unser Kind, vermutlich auch hochintelligent, zeigt im Kindergarten Widerstand, tut dort quasi was es möchte und zeigt auch impulsives Verhalten. Zuhause ist es recht umgänglich. Das Problem im KG: Die Erzieherinnen wollen wegen ihm keine Ausnahmen machen, denn dann würden sich ja alle Kinder so benehmen. Also unser Kind soll sich anpassen und sein Wille kann nicht respektiert werden. Denn auch in der Schule müsste es sich dann ja anpassen.
Was würden Sie den Erzieherinnen konkret raten? Danke
Liebe Maria
Es ist mir super peinlich, dein Kommentar ist hier irgendwie untergegangen, was mir sehr leid tut. Ich schreibe dir jetzt trotzdem noch – auch wenn ich hoffe, dass du schon gute Inputs erhalten hast.
Hallo Maria
die Argumentation aus dem Kindergarten ist nachvollziehbar – aber sie greift zu kurz.
„Keine Ausnahmen, sonst machen es alle“ funktioniert bei vielen Kindern. Bei einem Kind mit PDA funktioniert es nicht.
Was Sie beschreiben, passt sehr klar zu einem Autonomieprofil wie Pathological Demand Avoidance:
Zuhause kooperativ, im System massiver Widerstand. Das ist kein „Ungehorsam“, sondern Stressreaktion auf wahrgenommenen Druck.
Und genau da liegt der Denkfehler im KG: Sie behandeln Verhalten als Frage von Regeln.
In Wirklichkeit ist es eine Frage von Druck und Beziehung. Was ich den Erzieherinnen konkret sagen würde:
1. Gleichbehandlung ist nicht Gerechtigkeit
Ein Kind braucht nicht „das Gleiche“, sondern das, was es regulieren kann.
Wenn ein Kind auf Anforderungen mit Eskalation reagiert, ist die Anforderung das Problem – nicht der Wille des Kindes.
2. Weniger direkte Aufforderungen
„Zieh jetzt die Schuhe an“ = hoher Druck
Besser:
„Ich frage mich, ob die Schuhe heute selbst an die Füsse finden…“
oder
„Was brauchst du, damit du rausgehen kannst?“ Klingt banal. Macht aber einen riesigen Unterschied.
3. Wahlmöglichkeiten einbauen (echte, keine Fake-Wahl)
Nicht: „Willst du jetzt oder gleich?“
Sondern: „Möchtest du zuerst Jacke oder zuerst Schuhe?“
→ Autonomie bleibt erhalten, Handlung passiert trotzdem.
4. Beziehung vor Durchsetzung
Ein Kind im Widerstand ist nicht erreichbar für „Konsequenzen“. Erst Verbindung, dann Führung.
5. Öffentliche Situationen entschärfen
Vor der Gruppe zu „fordern“ erhöht den Druck massiv. Besser: leise, nebenbei, ohne Bühne.
6. „Ausnahmen“ sind hier keine Verwöhnung, sondern Prävention
Wenn man sie verweigert, bekommt man nicht mehr Anpassung – sondern mehr Eskalation.
Und jetzt der unbequeme Teil:
Wenn der Kindergarten stur bei „alle gleich behandeln“ bleibt, wird sich das Verhalten eures Kindes nicht verbessern. Es wird sich zuspitzen.
Nicht, weil euer Kind nicht kann, sondern weil das Setting nicht passt.
Die gute Nachricht: Wenn Fachpersonen bereit sind, ihren Zugang leicht zu verändern, kippt die Situation oft erstaunlich schnell.
Vielleicht können Sie es so rahmen: Es geht nicht darum, Regeln aufzugeben.
Es geht darum, den Weg dorthin so zu gestalten, dass Ihr Kind ihn überhaupt gehen kann.
Liebe Grüsse
Dina Mazzotti
Liebe Dina
vielen Dank für deinen Bericht!! Er hat mir gerade sehr geholfen ❤️
Meine Tochter (5) hat gestern gerade die „Diagnose“ PDA und Hochbegabung erhalten.
Was ich mich am meisten frage: wie ist das mit einer Regelschule zu vereinbaren?!?
Ich bin froh geht sie noch ein Jahr in die Vorschule. Aber was mach ich bei der Einschulung? Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, dass es funktioniert.
Liebe Grüsse ❤️
Liebe Petra
Wenn du möchtest, können wir uns gern mal austauschen. Ich berate ja auch online.
Viel Kraft und herzliche Grüsse
Dina
Ich hab grad mit großer Begeisterung den Artikel gelesen. Danke dafür. Ich vermute das meine Tochter PDA hat mal schauen was die Psychologin sagt. Sie verweigert sich bei allem. Keine U- Untersuchung beim Arzt ist möglich und die eskaliert oder gefriert sobald Anforderungen an sie gestellt werden. Sie lehnt ihren Vater kategorisch ab wenn ich im Raum bin und möchte immer kontrollieren was ich wann tue wenn ich mal was für mich mache oder abends mal weg gehe eskaliert es total. Ich fühl mich seit Jahren so hilflos denn im Kindergarten ist sie extrem unauffällig und angepasst nur das sie im Morgenkreis nicht redet nur im eins zu eins. Sie ist sehr früh sehr weit in der Entwicklung gewesen und ich finde sie in deinem Artikel auch wieder.
Ja, es ist eine grosser Herausforderung, so ein Kind begleiten zu dürfen. Finde heraus, was für euch passt und lass dir nicht einreden, „was man tut“ – es muss für euch funktionieren und nur das zählt!
Herzliche Grüsse
Dina
Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Mein Sohn hat genau das, was du hier beschreibst, wurde aber diagnostiziert mit Hochbegabung und ADHS mit kompensatorisch dominanzorientiertem Verhalten. Dabei passt PDA deutlich besser. Leider hat er sich trotz seiner PDA selbst für Leistungssport entschieden. Da kommt sein Masking so sehr an seine Grenzen (wegen des enormen Leistungsdrucks), dass er zu Hause nur noch explodiert.
Hallo,
mein Sohn kommt in der Schule überhaupt nicht zurecht. Jede Anforderung bringt ihn zum schreien. Er brüllt die Lehrer an, seine Schulbegleitung vergrauelt er auch gerade.
Dadurch funktioniert es auch zu Hause nicht mehr. Er beschimpft mich als „hure“ und Haut und tritt. Am liebsten würde er den ganzen Tag nur Medien machen.
Wir sind im Zwiespalt zwischen „machen lassen“ und strenger werden. Er überschreitet einfach permanent unsere Grenzen.
Er ist so schlau, er kann das alles. Aber er WILL nicht und steht sich selbst im Weg.
Diagnose: Autismus und pda
Liebe Alexandra
Danke, dass du so offen schreibst. Was du beschreibst, ist extrem belastend – für euer Kind, für euch Eltern und für alle Beteiligten. Und nein: Das ist kein Erziehungsversagen. Das ist heftig und es tut mir sehr leid, dass ihr euch mit solchen Herausforderungen konfrontiert seht.
Wichtig vorab:
Das Verhalten eures Sohnes ist kein Ausdruck von Böswilligkeit oder mangelndem Willen. Bei Autismus mit PDA-Profil sind massive Widerstände gegen Anforderungen kein Trotz, sondern eine Stress- und Überforderungsreaktion des Nervensystems.Ich weiss, dass bei PDA empfohlen wird, das Kind einfach „machen zu lassen“. Ich bin da aber sehr ambivalent und möchte selbst auch nicht übelst beschimpft und verletzt werden, zudem trage ich die Verantwortung für seine körperliche Unversehrtheit. Strenger werden wird die Situation sehr wahrscheinlich verschärfen. Also denke ich, dass ich versuchen würde, verbindliche Grenzen zu setzen. Weit aussen, aber die Pflöcke stehen.
Medien sind eine Form der Regulation für das Nervensystem. „Machen lassen“ im Sinn von grenzenloser Mediennutzung wird das Problem aber ebenfalls nicht lösen. Gleichzeitig scheint es mir nicht gesund zu sein, wenn man sich nur über Medien regulieren kann.Findet ihr andere Formen, wie kritzeln, komplexe Puzzles oder Legoprojekte? (Oder letztens gehört: Eiswürfel lutschen!)
Dein Sohn schreit, beschimpft und eskaliert nicht, weil er „nicht will“, sondern weil er in diesen Momenten nicht „wollen kann“ .
Der scheinbare Widerspruch, in dem ihr steckt, ist real – und genau hier braucht es einen dritten Weg.
Ein paar zentrale Punkte:
Dein Sohn überschreitet Grenzen, weil er sie im Moment nicht regulieren kann, nicht weil er sie bewusst missachtet.
Medien sind für viele Kinder mit PDA eine Form von Selbstregulation. Sie lösen das Problem nicht, aber sie sind auch nicht der Kern des Problems.
Ganz wichtig: Intelligenz schützt nicht vor Überforderung. Im Gegenteil: Sie kann den inneren Druck sogar erhöhen.
Was mir jetzt ganz wichtig scheint:
Beziehung vor Anforderung. Jede Eskalation zeigt: Die aktuelle Situation ist für Ihr Kind zu viel.
Reduktion von Druck, auch schulisch. Das ist keine Kapitulation, sondern Krisenintervention.
Klare, ruhige, wenige Grenzen, die eingehalten werden können – nicht viele Regeln, die im Alltag explodieren.
Professionelle Begleitung, die sich mit PDA wirklich auskennt. Nicht jede Fachperson tut das.
Du musst das nicht alleine tragen. Und du musst dich nicht zwischen „hart“ und „nachgiebig“ entscheiden.
Was euer Kind braucht, ist Verstehen, Struktur ohne Druck und Erwachsene, die ihm die Regulation leihen, bis er sie selbst entwickeln kann.
Denn wie schon geschrieben: Das mit dem er WILL nicht, ist wohl komplexer: Ich glaube, er KANN nicht wollen.
Herzliche Grüsse
Dina
Hallo Dina
Du hast ja im vorherigen Kommentar schon kurz Medien angerissen.
Das ist unser größter Streitthema.
Sohn (11) und Switch, bzw Handy (er hat eines zim kommunizieren, nach Eskalation ist ALLES andere dort gesperrt und er hat 5min/Tag).
Aber gerade das Zocken. Immer heimlich, immer mehr, gegen jede Regel, wir müssen alles verstecken, jedes Schlupfloch wird genutzt.
Wir fragen uns: lockerer lassen oder klarere Grenzen abstecken (in Betrachtung der körperlichen/psychischen folgen von zu langem nutzen).
Wir haben nur „vernünftige “ Spiele wie Minecraft oder Mariocart.
Hallo
so wie du es beschreibst, ist das kein Medienproblem.
Das ist ein Autonomie-Konflikt.
Mehr Kontrolle führt hier nicht zu mehr Kooperation, sondern zu mehr Gegendruck. Genau das siehst du: heimlich, mehr, jedes Schlupfloch. Das ist kein Zufall, das ist eine logische Reaktion.
Die 5 Minuten pro Tag sind ehrlich gesagt kein Rahmen, sondern ein permanenter Trigger. Damit bleibt das Thema ständig aufgeladen – und genau das verstärkt das Verhalten, das ihr eigentlich reduzieren wollt.
Und noch etwas: Es sind nicht die Spiele. Minecraft oder Mariocart sind nicht das Problem. Die Dynamik rundherum ist es.
Wenn ihr da raus wollt, braucht es einen Richtungswechsel:
Nicht noch engere Regeln, sondern eine tragfähige Struktur.
Das heisst konkret:
– planbare, verlässliche Zeiten statt ständigem Verhandeln
– klare Absprachen, die auch wirklich einhaltbar sind
– Einbezug eures Sohnes („Wie kriegen wir das so hin, dass es für dich passt und für uns auch?“)
– saubere Übergänge beim Beenden (ankündigen, nicht abrupt kappen)
Und der unbequeme Teil:
Solange er sich Medien „holen muss“, bleibt es ein Machtspiel.
Entweder ihr integriert das Thema kontrolliert in den Alltag – oder ihr bleibt im Dauerkampf. Beides gleichzeitig funktioniert nicht.
Mir ist wichtig: lockerer lassen, heisst nicht „laufen lassen“. Es heisst: den Druck rausnehmen, damit überhaupt wieder Kooperation möglich wird.
Und – vielleicht drückt es durch – ich gehöre zu jener Fraktion, die nicht dafür plädiert, den Kindern (permanent) Medien als Regulationsmöglichkeit zur Verfügung zu stellen. Genauso wenig wie Kekse oder Eis.
Liebe Grüsse
Dina
Danke für deine Antwort.
Genauso empfinde ich das auch.
Tatsächlich schwingt in mir die Sorge, was passiert, wenn wir da „locker lassen“.
Ist er dann 10h/Tag vor dem Bildschirm.
Im Moment gibt es unter der Woche 20min switch, am Wochenende 40.
Dazu 2 Folgen einer Serie, meist gucken wir zusammen.
Mehr will ich eigentlich nicht, denn er braucht die körperliche Betätigung nach der Schule sonst tickt es an anderer Stelle aus.
Und handy finde ich nochmal schwieriger, wobei es mit duesen 5min, also GAR keine Möglichkeiten einfacher ust als z.b. mit 30minuten.
Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit neurodivergenz beschäftigt und alles klingt schlüssig, bis auf PDA.
Liebe Dina,
gibt es auch die Möglichkeit, dass eine Hochbegabung mit PDA verwechselt wird?
Ich stehe bei unserem einen ausgeprägten Wissensdurst und viele von dir beschriebenen Verhaltensweisen zum Thema Hochbegabung erkenne ich in unserem Sohn wieder.
Andererseits könnte ich auch viele Verhaltensweisen dem PDA zuordnen.
Könnte so ein Intelligenztest überhaupt bei einem Kind mit PDA durchgeführt werden?
Wie könnte hier überhaupt sodann eine Förderung stattfinden?
Liebe Grüße
Liebe Nadine
Ja, das kommt tatsächlich vor. Hochbegabung und PDA können sich in einzelnen Verhaltensweisen erstaunlich ähnlich zeigen.
Ein hochbegabtes Kind hinterfragt oft Regeln, möchte Zusammenhänge verstehen, diskutiert gerne, hat einen grossen Wissensdurst und reagiert empfindlich auf als unlogisch empfundene Anforderungen. Ein Kind mit PDA kann ebenfalls Widerstand gegen Anforderungen zeigen, allerdings liegt der Grund häufig in einem starken Autonomiebedürfnis und einer ausgeprägten Stressreaktion auf wahrgenommenen Druck.
Deshalb lohnt es sich, weniger auf das Verhalten selbst zu schauen als auf die Frage: Warum zeigt das Kind dieses Verhalten?
Ein Intelligenztest kann grundsätzlich auch bei einem Kind mit PDA durchgeführt werden. Allerdings braucht es dafür oft viel Flexibilität, Beziehungsaufbau und eine testleitende Person, die PDA versteht. Unter hohem Druck oder bei mangelnder Kooperation können die Ergebnisse die tatsächlichen Fähigkeiten deutlich unterschätzen.
Und noch etwas Wichtiges: Hochbegabung und PDA schliessen sich nicht aus. Es gibt durchaus Kinder, die sowohl hochbegabt sind als auch PDA-Merkmale zeigen. Genau deshalb ist eine sorgfältige Differentialdiagnostik so wichtig.
Für die Förderung macht die Unterscheidung einen Unterschied. Bei Hochbegabung stehen meist Anreicherung, Vertiefung, Beschleunigung oder die Arbeit an individuellen Interessen im Vordergrund. Bei PDA geht es zusätzlich darum, Anforderungen so zu gestalten, dass sie nicht permanent als Kontrollverlust erlebt werden. Beides zusammen erfordert oft sehr individuelle Lösungen.
Falls du magst, erzähl mir in einer Zoom-Beratung etwas mehr über deinen Sohn. Oft geben konkrete Beispiele Hinweise darauf, ob eher Unterforderung, PDA oder möglicherweise beides eine Rolle spielt.
Herzliche Grüsse
Dina
Hallo Dina,
durch Recherchen bin ich auf Autismus mit PDA gestoßen und nehme an, dass mein Sohn dieses Wesens im SoSein in sich trägt. Die frühe Kindheit war eine große Herausforderung für die ganze Familie. Seine vielen ca. halbjährlichen Interessen, Wutanfälle, extremen Vermeidungen von Anweisungen und starkem Autonomiebedürfnis, führten mich zu dem Glauben, er sei neurodivergent. Mir fehlt der Austausch und die Sicherheit/ bEstätigung, dass es wirklich so ist. Zur Zeit ist er ins exzessive Zocken eingetaucht, was mich zugegebener Maßen triggert. Ich versuche wie bei allen Spezialthemen gelassen und zugewandt zu bleiben. Jeder Versuch mit sog.Medienzeiten, scheitern. Seine schulischen Leistungen sind sehr gut, da er glücklicherweise eine tolle Lehrer hat. Jedoch sind große Veranstaltungen/Klassenreisen/ Hotels/ U-/S-Bahn gar nicht machbar. Er fühlt sich dann sehr überfordert und unwohl… Ich könnte so viel mehr schreiben…auch Arzttermine, Untersuchungen etc. sind nicht möglich. Wir haben eine Ebene mit vielen Verhandlungen und wenig Grenzen gefunden, um den Alltag möglichst stressfrei zu gestalten…meinst du er könnte Autismus mit PDA „haben“?
Hallo Viola
Danke, dass du das so offen schilderst.
Was du beschreibst – das ausgeprägte Autonomiebedürfnis, die starke Vermeidung von Anforderungen, Schwierigkeiten mit Arztterminen, Klassenfahrten oder grossen Menschenmengen sowie die vielen Verhandlungen im Alltag – kann durchaus zu einem PDA-Profil (Pathological Demand Avoidance bzw. Pervasive Drive for Autonomy) passen.
Gleichzeitig wäre ich mit einer Ferndiagnose sehr vorsichtig. Viele Merkmale können sich mit Autismus, ADHS, Hochbegabung, Angststörungen oder einer Kombination davon überschneiden. Entscheidend ist immer das Gesamtbild und die Entwicklungsgeschichte des Kindes.
Was mir beim Lesen auffällt: Ihr habt offenbar bereits Wege gefunden, die den Alltag für alle deutlich entspannter machen. Das ist oft ein wichtiger Hinweis darauf, dass ihr die Bedürfnisse eures Sohnes ernst nehmt – unabhängig davon, welche Diagnose am Ende gestellt wird.
Wenn du dir mehr Klarheit wünschst, kann ich dir im Rahmen einer Online-Beratung helfen, die verschiedenen Puzzleteile einzuordnen. Gemeinsam schauen wir uns die Entwicklung deines Sohnes, seine Stärken, seine Herausforderungen und mögliche Erklärungsmodelle an. Das ersetzt keine medizinische Diagnose, gibt Familien aber häufig eine fundierte Orientierung und konkrete Handlungsmöglichkeiten für den Alltag.
Alles Gute für euch – und ja: Bleib bei deinem Gefühl neugierig, aber hinterfrage es gleichzeitig. Genau diese offene Haltung ist meist der beste Ausgangspunkt.
Herzliche Grüsse
Dina
vielen herzlichen Dank für diesen Artikel 😊 ich habe lange Zeit nicht gewusst was mit mir nicht stimmt und auch die Diagnosen ASS/ADHS/HB haben es nicht gänzlich erklärt, warum ich immer gestresst bin und mein Nervensystem am Limit ist, sobald eine Anforderung an mich gestellt wird und ich die Kontrolle verliere.
wenn mein Mann zu mir sagt: machst du jetzt bitte das und das? dann sage ich mittlerweile, dass ich es jetzt erst Recht nicht mache. Ich nehme seit knapp einem Jahr Medikamente für das ADHS und gefühlt ist es seither schlimmer geworden – meine Neurologin erklärt dies mit dem Ausschalten des ADHS und dass der Autismus mehr hervortritt. ich kann das nicht mehr maskieren und soll ich auch nicht mehr. Zum Glück kann ich auf der Arbeit einiges machen, was ich selbst bestimmen kann. aber es fallen mir auch Sachverhalte schwer, die ich als extrem ungerecht und unlogisch empfinde, das kann ich einfach nicht machen, egal wer das von mir möchte…….und wenn es der Niederlassungsleiter wäre. kennt das noch jemand? ist das auch ein Merkmal von PDA.
mein Sohn zeigt ähnliche Verhaltensweisen wie ich: hier helfen ich mir mittlerweile schon sehr mit den Angeboten von x oder y, aber Medienzeit ist weiterhin ein komplexes Thema. wir vereinbaren etwas und er kann sich nicht dran halten, gut er ist 3,5 Jahre, aber ich kann ja nicht ständig nachgeben. Dann halten wir den Wutausbruch aus und oft geht es dann, wenn er etwas anderes findet, was er selbst entscheiden kann…..sein Zimmer haben wir in Montessori Ansätzen gestaltet und er darf viel selbst entscheiden, außer bei wichtigen Themen wie dem Straßenverkehr usw.
gibt es empfehlenswerte Literatur? bisher kenne ich nur den Film: Familien am Limit von Philipp Böhlen, der ist allerdings nur in der Schweiz ausgestrahlt worden mit Untertiteln.
Hallo Katharina
Vielen Dank für Ihren offenen Kommentar. Ja, das Gefühl, bei einer Anforderung sofort unter Druck zu geraten oder die Kontrolle zu verlieren, beschreiben auch Menschen mit PDA-Profil. Daraus allein lässt sich aber nicht ableiten, ob PDA die Erklärung für Ihre Erfahrungen ist. Auch Stress, Überlastung und andere Faktoren können dabei eine Rolle spielen.
Dass Sie seit Beginn der ADHS-Medikation eine Verschlechterung erleben, würde ich nochmals konkret mit Ihrer Neurologin besprechen: Was hat sich verändert, seit wann und in welchen Situationen? Ihre Beobachtung verdient eine sorgfältige Abklärung.
Bei Ihrem Sohn würde ich mit 3½ Jahren aus Schwierigkeiten beim Beenden der Medienzeit ebenfalls keinen Rückschluss auf PDA ziehen. Der Übergang vom Bildschirm zu etwas anderem ist in diesem Alter oft schwer. Eine klare, vorhersehbare Grenze kann bestehen bleiben; bei der Gestaltung des Übergangs können Sie ihm trotzdem Wahlmöglichkeiten geben, etwa was ihr danach gemeinsam macht.
Als Einstieg empfehle ich die kostenlosen „What helps?“-Ratgeber der PDA Society. Sie enthalten auch Texte für Erwachsene und Eltern. Lesen Sie sie als Anregung, nicht als Selbstdiagnose. (pdasociety.org.uk)
Speziell für Frauenist „das große Naskingbuch für Frauen„ von Rebekka Ohlsen.
Herzliche Grüsse
Dina Mazzotti