Warum die «Wege aus der Krise» in eine pädagogische Sackgasse führen
Das Jahr 2026 ist kaum einen Monat alt, da präsentiert die SVP bereits ihren bildungspolitischen Befreiungsschlag: „Wege aus der Krise der Volksschule“. Der Titel verspricht Orientierung; allerdings liefert der Inhalt vor allem eines: Rückschritt.
Als langjährige Lehrkraft kann ich aus erster Hand bestätigen: Ja, die Volksschule steht unter Druck. Lehrer:innenmangel, steigende Anforderungen, heterogene Klassen, Überlastung auf allen Ebenen – das ist keine Erfindung. Aber wer glaubt, diese komplexe Realität mit einfachen Schuldzuweisungen, Obergrenzen und pädagogischer Nostalgie lösen zu können, verkennt das Problem fundamental.
Ich erlaube mir zu bemerken: Dieses Positionspapier ist kein Zukunftsentwurf. Es ist ein Blick in einen mit Nostalie beschlagenen Rückspiegel.
Inklusion in der Volksschule: Warum die SVP-Forderung ein Rückschritt ist
Ein zentraler Punkt des SVP-Positionspapiers ist die Abkehr von der integrativen Schule. Kinder, die „nicht mithalten können“, sollen wieder vermehrt in Klein- oder Sonderklassen unterrichtet werden. Die Behauptung: Integration überfordere die Schwachen und bremse die Starken. Die Realität: Segregation löst keine Probleme – sie verlagert sie.
Inklusion ist kein pädagogischer Kuschelkurs. Sie ist ein Menschenrecht. Und sie ist eine Vorbereitung auf eine Gesellschaft, die vielfältig ist – sozial, kulturell und kognitiv. Die Arbeitswelt sortiert später auch nicht nach „passt ins System“ oder „stört den Ablauf“.
Was aber tatsächlich fehlt, sind:
- genügend ausgebildetete Heilpädagog:innen (nur die „richtige Haltung haben“ reicht einfach nicht!)
- Assistenz- und Unterstützungspersonal
- kleinere Klassen für alle, nicht nur für ausgewählte Gruppen
Die Integration scheitert nicht am Prinzip, sondern an mangelnden Ressourcen. Wer daraus den Schluss zieht, sie abzuschaffen, betreibt bildungspolitische Augenwischerei.
Lehrplan21 unter Beschuss: Kompetenzorientierung ist kein Feindbild
Die Kritik am Lehrplan21 gehört bei der SVP inzwischen zum Standardrepertoire. Besonders die Kompetenzorientierung wird als ideologisches Experiment dargestellt.
Sinngemäss heisst es:
Wir brauchen Kinder, die das Einmaleins können – nicht solche, die ihren Namen tanzen.
Das klingt zwar griffig, aber ist inhaltlich schwach. Natürlich braucht es Wissen. Aber unterdessen sind wir im Jahr 2026 angelangt. Faktenwissen ist jederzeit verfügbar. Entscheidend ist, was Kinder mit diesem Wissen anfangen können!
Ich verweise wieder einmal auf Blooms Taxonomie: Die einen Kinder werden sich damit begnügen (müssen) gewisse Lerninhalte zu verstehen, andere wagen sich weiter vor, indem sie das neu erworbene Wissen
- anwenden
- verknüpfen
- kritisch hinterfragen
- Probleme lösen
Schulen, die auf reines Auswendiglernen setzen, bilden Kinder für eine Welt, die es so schon längst nicht mehr gibt, aus. Kompetenzorientierung ist kein Selbstzweck, sondern eine Antwort auf eine komplexe, digitale und dynamische Realität – inklusive KI, Automatisierung und Informationsüberflutung.
Wer Bildung in ein Museum verwandelt, darf sich nicht wundern, wenn Absolvent:innen draussen orientierungslos sind.
Fremdsprachige Kinder in der Volksschule: Warum Obergrenzen keine Lösung sind
Besonders brisant erscheint mir, als sogenannte „Seconda“ (also Zweitgenerationen-Mensch von Imigranten) die Forderung nach fixen Obergrenzen für fremdsprachige Kinder pro Klasse.
Auf dem Papier klingt das nach Entlastung. In der Praxis bedeutet es jedoch:
- organisatorisches Chaos in Städten und Agglomerationen
- Kinder, die quer durch Gemeinden verschoben werden
- zerstörte Schulwege und soziale Netzwerke
Und pädagogisch?
Sprache lernt man im Kontext, nicht im Abseits. Sprachförderung ist wichtig – aber als Unterstützung, nicht als Selektionsinstrument. Sprachtests vor Schuleintritt können sinnvoll sein, wenn sie fördern. Wenn sie stigmatisieren, sind sie fatal!
Integration entsteht nicht durch Trennung. Sie entsteht durch Begleitung, Ressourcen und professionelle Förderung im Alltag.
Erziehung durch Angst? Warum Drohungen gegen Eltern alles verschlimmern
Ein weiterer Punkt im Positionspapier lässt besonders tief blicken: Eltern sollen bei mangelnder Kooperation mit Sanktionen bis hin zum Entzug der Aufenthaltsbewilligung rechnen müssen. Das ist keine Bildungspolitik! Das ist Machtausübung.
Eine Bemerkung am Rande: Ich erinnere mich noch, wie die Initiative „Gegen die Überfremdung“ – auch Schwarzenbach-Initiative benannt nach ihrem Kopf, dem Nationalrat James Schwarzenbach (Nationale Aktion), bei meinen Eltern für schlaflose Nächte gesorgt hat. Bei einer Annahme hätten rund 350’000 Menschen (vor allem italienische „Gastarbeiter“) die Schweiz innerhalb kurzer Zeit verlassen müssen. Das Resultat vom 7. Juni 1970 fusste auf einer extrem hohen Stimmbeteiligtung von von fast 75 % (damals nur Männer!) und zeigt, wie sehr das Thema das Land zerriss. Die Initiative wurde mit 54 % Nein gegen 46 % Ja abgelehnt. Aber zu rück zum Thema:
Schule funktioniert nur auf Basis von Vertrauen. Wer Eltern – oft selbst belastet, sprachlich eingeschränkt, sozial unter Druck oder traumatisiert – mit existenziellen Drohungen begegnet, zerstört jede Zusammenarbeit. Lehrpersonen werden so zu Ordnungshütern degradiert, wobei die Leidtragenden die Kinder sind.
Bildungspolitik darf nicht mit Migrationsrecht vermischt werden. Das schafft Angst, keinen Lernerfolg.
Disziplin, Noten, Ordnung: Symptombekämpfung statt Ursachenforschung
Mehr Disziplin. Strengere Noten. Weniger pädagogische Freiheit.
Das Papier liest sich stellenweise wie ein Erziehungsleitfaden aus den 1950er-Jahren.
Ich sehe drei zentrale Denkfehler; vielleicht sind es auch noch mehr…
1. Noten sagen wenig über Potenzial aus
Noten sind ein grobes, sehr ungenaues Messinstrument. Sie spiegeln häufig das soziale Umfeld stärker als die tatsächlichen Fähigkeiten eines Kindes. Frühere und härtere Benotung erhöht nicht die Leistung, sondern sie erhöht den Druck und die Ungleichheit.
2. Lehrpersonen sind keine Stoffautomaten
Der Lehrer:innenmangel verschärft sich nicht wegen zu viel Freiheit, sondern wegen Überlastung, fehlender Unterstützung und politischer Abwertung. Wer pädagogische Professionalität auf Stoffvermittlung reduziert, macht den Beruf nicht attraktiver.
3. Ideologiefreiheit als Scheinargument
Die SVP fordert Neutralität, will aber Themen wie Diversität, Nachhaltigkeit oder gesellschaftliche Realität aus dem Unterricht verbannen. Das ist keine Neutralität – das ist Ideologie durch Ausblendung.
Handyverbot statt Medienkompetenz? Eine gefährliche Illusion
Ein generelles Handyverbot wirkt auf den ersten Blick beruhigend. Es löst aber nichts. Nach wie vor bin ich aber auch immer noch dafür, dass Kinder sehr limitierten und späten Zugang zu sozialen Medien erhalten sollten:
Digitale Medien sind Realität, mit ihnen natürlich auch die KI. Die Aufgabe der Schule ist nicht Verdrängung, sondern Befähigung. Die Lernenden sollen einen kritischen Umgang mit Medien erwerben, Verständnis für KI-Anwendungen entwickeln, Fake News erkennen und digitale Selbstregulation erlernen.
Verbote verschieben Probleme nur in die Pause oder nach Hause. Bildung muss gestalten, nicht ignorieren. Zudem hinkt die Forderung der Zeit hinterher: Viele Schulen habe schon ihre eigenen Lösungen gefunden.
Was die Volksschule wirklich braucht (und die SVP verschweigt)
Die Schule hat Herausforderungen – da hat die SVP recht. Aber die Ursachen liegen woanders. Ich versuche zusammenzufassen:
| Herausforderung | SVP-Ansatz | Was wirklich hilft |
|---|---|---|
| Lehrkräftemangel | Verschärfung & Kontrolle | Entlastung, Assistenzpersonal, bessere Arbeitsbedingungen |
| Heterogenität | Segregation | Ressourcen für integrative Förderung |
| Leistungsdruck | Frühere Noten | Differenzierte Beurteilung |
| Digitalisierung | Verbote | Medien- und KI-Kompetenz |
Fazit: Die Schule von morgen braucht keinen Rückspiegel
Das SVP-Positionspapier zur Volksschule 2026 liefert einfache Antworten auf hochkomplexe Fragen. Es bedient die Sehnsucht nach Ordnung und Übersicht – aber nicht die Realität unserer Kinder.
Die Krise der Volksschule löst man nicht durch:
- Ausgrenzung
- Nostalgie
- Drohkulissen
- Rückbau pädagogischer Professionalität
Was wir brauchen, ist eine Schule, die:
- investiert, statt auszusortieren
- entlastet, statt zu verschärfen
- Mut zeigt, statt sich einzuigeln
Kinder brauchen keine Schule, die sie sortiert. Sie brauchen eine Schule, die sie stärkt.
Und eine Bildungspolitik, die Zukunft gestaltet – nicht Vergangenheit verwaltet. Und hier möchte ich den Bildungsverantwortlichen des Kt. Luzern ein grosses Kränzchen, nein, einen Kranz winden. Dr. rer.oec. Armin Hartmann (obwohl SVP!) und Martina Krieg sind innovativ denken nicht in Schulbladen.
Häufige Fragen zum SVP-Positionspapier zur Volksschule 2026
Was fordert die SVP im Positionspapier zur Volksschule 2026?
Unter anderem die Abkehr von der integrativen Schule, Obergrenzen für fremdsprachige Kinder, strengere Disziplin, weniger Kompetenzorientierung und mehr Selektion.
Warum ist die Abschaffung der Inklusion problematisch?
Weil sie Kinder ausgrenzt, Probleme verlagert und gesellschaftliche Spaltung verstärkt, statt Lernbedingungen zu verbessern.
Ist der Lehrplan21 wirklich gescheitert?
Nein. Die Herausforderungen liegen nicht im Lehrplan, sondern in der Umsetzung und der mangelnden Ressourcenausstattung.



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