Ein Ressourcenraum ist mehr als nur ein Zusatzraum mit Spielen oder Aufgaben. Er ist ein pädagogisch gestalteter Ort, an dem Kinder entdecken, vertiefen, ausprobieren, zweifeln und wachsen dürfen. Besonders in Schulen, die Begabungsförderung breit denken und gleichzeitig hochbegabte Kinder nicht aus dem Blick verlieren wollen, ist ein solcher Raum ein Schlüssel zur Differenzierung.
In diesem Artikel erfährst du:
- was einen guten Ressourcenraum ausmacht
- welche Materialien und Zugänge er bieten sollte
- wie er sowohl breite Förderung als auch gezielte Impulse für Hochbegabte ermöglichen kann
Grundgedanke: Raum für Neugier, Tiefe und Selbststeuerung
Ein Ressourcenraum ist ein Raum für das „Mehr“: mehr Denken, mehr Fühlen, mehr Forschen, mehr Fragen. Er ist kein Ort für Nacharbeit oder „Beschäftigung“, sondern ein geschützter Rahmen für:
- selbstbestimmtes Lernen
- individuelle Schwerpunkte und Interessen
- kreative und kognitive Herausforderungen
- Ruhe und Vertiefung abseits des Regelunterrichts
Ziel ist es, Kinder aller Leistungsniveaus ernst zu nehmen – und besonders jene, die über den Standard hinausdenken und -fühlen, nicht zu bremsen.
Ausstattung: Was gehört hinein?
a) Materialien für alle Sinne und Denkstile
- Logikspiele (z. B. SmartGames, Rush Hour, ThinkFun)
- kreative Baukästen (Kapla, Lego Technic, fischertechnik)
- Rätsel- und Knobelmaterial (Tangram, Soma-Würfel, IQ-Puzzler)
- hochwertige Bastel- und Konstruktionsmaterialien (Holz, Draht, Stoff, Karton)
b) Anregende Lektüre & Denkfutter






- Sachbücher zu Natur, Technik, Philosophie, Geschichte
- Kinderlexika mit anregenden Fragen
- Bücher mit „unnützem Wissen“ und Fun-Facts
- Biografien von Entdecker:innen, Forscher:innen, Künstler:innen
c) Digitale Tools und Medienkompetenz
- Tablets mit ausgewählten Apps (Geogebra, Explain Everything, Tinkercad)
- Zugang zu Lernplattformen (Antolin, Matheretter, Matific)
- digitale Mikroskope, Programmierboards (Calliope, Ozobot, LEGO Spike)
d) Denkräume und Denkpausen
- gemütliche Leseecken mit Rückzugsmöglichkeit
- Bodenkissen für freies Denken
- Schreibimpulse, Journaling-Material
- Raum für visuelle Gestaltung (z. B. Mindmaps, Sketchnotes, Wandplakate)
Pädagogische Haltung: Nicht «mehr Stoff», sondern mehr Sinn
Ein Ressourcenraum wird erst durch eine klare Haltung wirksam:
- Kinder sind nicht hier, weil sie „zu schnell“ sind, sondern weil sie „weiter denken“.
- Nicht Leistung, sondern Interesse führt in den Raum.
- Fehlerfreundlichkeit, Umwege, Abschweifungen sind ausdrücklich erwünscht.
Lehrpersonen und Betreuungspersonen in einem solchen Raum brauchen Feingefühl – sie sind Beobachtende, Fragende, Ermutigende, keine Bewertenden oder Belehrenden.
4. Was brauchen hochbegabte Kinder dort besonders?
Hochbegabte Kinder finden sich in einem gut konzipierten Ressourcenraum besonders dann wieder, wenn er…
- Tiefe statt Tempo erlaubt
- intellektuelle Reibung bietet (z. B. durch Dilemmageschichten, offene Fragen, Forschungsaufträge)
- kognitive Überraschung möglich macht
- Raum für komplexes Denken bietet (z. B. philosophieren, eigene Theorien entwickeln)
- soziale Isolation aufbricht, indem sie mit ähnlich denkenden Peers arbeiten können
Beispiele für Angebote:
- Philosophische Gesprächsimpulse (z. B. „Darf man lügen, um jemandem nicht weh zu tun?“)
- Mathematische Beweise entdecken (z. B. „Warum funktioniert die schriftliche Multiplikation?“)
- Eigenständige Projekte mit Feedbackrunden
Organisation & Zugänge
Ein Ressourcenraum funktioniert nicht, wenn er als „Belohnung“ oder „Parkplatz“ wahrgenommen wird. Zugangskriterien sollten transparent, aber durchlässig sein:
- über Interessenwahl
- über gezielte Einladung (z. B. durch Lehrpersonen)
- über Projekte oder Drehtürmodelle
Wichtig ist: Jedes Kind sollte prinzipiell Zugang haben, aber nicht jedes Kind wird ihn im gleichen Mass oder zur gleichen Zeit nutzen.
Ich kenne viele Schulen, die nicht über einen speziellen Ressourcenraum verfügen. Dafür haben sie ein gut eingerichtetes Förderzimmer mit einer Fülle von Materialien. Hier kann auch der umgekehrte Weg gegangen werden: Anstatt die Kinder ins Förderzimmer gehen zu lassen, kommen die Materialien zu den Kindern ins Klassenzimmer! Auch das ist natürlich eine gute Möglichkeit, um die Kinder zu inspirierend und anzuregen. Aus eigener Erfahrung lege ich euch ans Herz, die Ausleihe und Rückgabe des Materials gut zu organisieren. Ich empfehle dringend, nichts auszuleihen oder zurückzunehmen, ohne dass es gemeinsam kontrolliert wurde.
Vorbildlich gelöst haben dies beispielsweise die Schule Neftenbach, die mit ihrem Neftorama mehrfach ausgezeichnet wurde: 2020 gewann das Neftorama den Educreators-Preis „Zukunft gestalten“. Zusätzlich erhielt es 2024 den LISSA-Preis (Lernfreude in Schweizer Schulen anregen).
6. Fazit
Ein gut gestalteter Ressourcenraum ist ein Ort für Entfaltung, nicht für Eliten. Er fördert Individualität ohne Aussonderung, Neugier ohne Druck und Tiefe ohne Dogma.
Für hochbegabte Kinder ist er oft ein Rettungsanker – endlich ein Ort, an dem Denken nicht ausbremst, sondern fliegen darf.
📌 Du möchtest deinen Ressourcenraum aufbauen oder weiterentwickeln? Ich begleite dich und deine Schule bei der Konzeption, Umsetzung und Evaluation begabungsfördernder Lernumgebungen. Schreib mir gern!


